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Wohnen - Das Fokus-Konzept

Ingolf Österwitz
(Dezember 1992)

Das Fokus-Konzept als Verbindung von Wohnen und Assistenz

1.0 Fokus-Wohnen

Das wohl bekannteste Wohnkonzept für körperlich behinderte Menschen sind die Fokusprojekte in Holland. Sie sind über das ganze Land verteilt, ein Projekt besteht aus bis zu 15 angepaßten und zugänglichen Wohnungen unterschiedlicher Größe (oft 3-Zimmer-Wohnungen) und einer Assistenz-Zentrale in der räumlichen Mitte des Projektes, die rund um die Uhr mit Assistenten/innen, nachts mit einer Kraft besetzt ist. Die Wohnungen liegen zumeist verstreut in einem Neubaugebiet oder Sanierungsgebiet in einer Entfernung von maximal 300 Metern zur Zentrale. Zwischen Zentrale und Wohnungen besteht eine Sprechfunkverbindung, die Helfer/innen verfügen außerdem über ein mobiles Sprechfunkgerät, so daß sie auch während eines Einsatzes erreichbar sind und Nachricht geben können, wann sie kommen können.

1.1 Bewohner und ATL-Assistenz

Die Bewohner/innen sind körperlich behinderte Menschen mit einem Bedarf an ATL-Assistenz (sinngemäß Aktivitäten des täglichen Lebens). Bei uns würde man sagen, sie sind pflegeabhängig. Alle möglichen Behinderungen sind vertreten, entscheidend ist der Bedarf an ATL-Assistenz, die bis zu 30 Stunden pro Woche in Anspruch genommen werden kann. ATL-Assistenz umfaßt in der Regel körperbezogene Hilfen; sie umfaßt keine Haushaltshilfe, wie Putzen der Wohnung oder die Zubereitung von Nahrung. Die Assistenten/innen suchen eine Wohnung nur dann auf, wenn eine Anfrage seitens der Bewohner/innen kommt. Es gibt keine Kontrollgänge, ob jemand Hilfe braucht oder ob irgendwelche Regeln nicht beachtet worden sind. Es gibt sie nicht.

Jede/r Bewohner/in hat einen Mietvertrag mit der Wohnbau-Gesellschaft, die Eigentümerin der Wohnungen ist. Es sind somit die vollen Rechte und Pflichten eines Mieters/einer Mieterin gegeben. Eine Fokus-Wohnung kann nur mieten, wer Assistenzbedarf hat und ihn auch artikulieren kann. Die Anleitungskompetenz, d.h., die Art und Weise, wie die Hilfe gegeben werden soll, liegt ebenfalls bei der Bewohnerin/dem Bewohner. Es erfolgt keine Pflege wie im Krankenhaus nach dem fachlichen Selbstverständnis der "Schwestern", sondern nach den Vorstellungen und Gewohnheiten des Bewohners/der Bewohnerin. Diese Regelung ist ein Prinzip bei allen Projekten, um die Privatheit und Unabhängigkeit zu sichern. Es sollen sich keine traditionellen Betreuungsverhältnisse einschleichen. Bewohner/inen können Einzelpersonen oder Familien mit einem behinderten Mitglied sein.

Die Assistenten/innen kommen aus verschiedenen Berufen, sie erhalten Grundkurse in Hebetechniken und über die "Philosophie" der Fokus-Idee.

Es wird vorausgesetzt, daß Behinderte für sich selbst Verantwortung übernehmen wollen und können. (An dieser Stelle sei auf andere Wohntrainings-Projekte verwiesen, die es ermöglichen, ein selbstbestimmtes Wohnen und Leben zu erlernen. Auch in Deutschland sind von der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung Körperbehinderter in Hannover bereits 1976 solche Trainingswohnungen eingerichet worden.

1.2 Abrechnung der Leistungen

Die ATL-Assistenz wird zu Abrechnungszwecken in einem Viertelstundentakt dokumentiert, wobei jede angefangene 1/4 Stunde als Einheit gilt. Diese Zeiten werden summiert und monatlich der Stiftungszentrale zur Abrechnung gemeldet. Diese stellt der Bewohnerin/dem Bewohner die Kosten in Rechnung oder in Form der Abtretung direkt der dafür zuständigen Volksversicherung. Die ATL-Leistungen werden von dem Allgemeinen Erwerbsunfähigkeitsgesetz (AAW) (siehe Infoblatt in dt. Sprache, herausgegeben vom Ministerie van Soziale Zaken en Werkgelegenheid) einkommensunabhängig gewährt. Vergleicht man diese Leistungen mit den Pflegeleistungen bei uns, so schneidet unser Nachbarland deutlich besser ab. Ein/e berufstätige/r Schwerstpflegebedürftige/r ohne Ansprüche nach dem BSGH erhält von der KK maximal 20 Pflegestunden pro Monat oder ersatzweise 400 DM. Würde er/sie in den Niederlanden leben, so könnten monatlich 120 Stunden an reiner Pflegeleistung in Anspruch genommen werden, ohne Rücksicht auf das Einkommen. In den letzten Monaten ist durch Änderung des Gesetzes eine minimale Eigenbeteiligung eingeführt worden, der Kern der Leistung ist nicht verändert worden. Die Finanzierung der Assistenz in Deutschland ist durch die einschlägigen Gesetze möglich. Probleme ergeben sich für diejenigen Behinderten, die voll berufstätig sind und wegen der Nachrangigkeit des BSHG unter Umständen keine Ansprüche geltend machen können.

1.3 Management und Organisation

Die gesamten Fokus-Projekte werden von einer Zentrale (Sitz der Stiftung) aus geleitet. Sie ist für die Abrechnung der geleisteten Assistenz, für die Beratung der Bewohner/innen, für die Einstellung von Assistenten/innen, für größere Konfliktregelungen zwischen allen Beteiligten und die Planung und Errichtung neuer Projekte zuständig. Knappe 40 Projekte, über das ganze Land verteilt, sind errichtet worden, etwa 500 angepaßte Wohnungen stehen damit zur Verfügung. Die Geschäftsführung der Stiftung ist einem Vorstand, der mehrheitlich aus Betroffenen besteht, rechenschaftspflichtig. Außerdem gibt es eine Mitgliederversammlung der Stiftung, die jährlich tagt. Die Stiftung ist konsumentenorientiert, der Selbstbestimmung der Betroffenen verpflichtet und sorgt für Kontinuität und gute Qualität der Assistenz. Es werden auch Seminare und Workshops organisiert, bei denen Betroffene ihre Kompetenz für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen erweitern können.

Die Fokus-Idee ist eine gelungene Verbindung von barrierefreier Stadtteilplanung, angepaßtem Bauen und Assistenz nach den zeitlichen und inhaltlichen Vorstellungen der Bewohner/innen.