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Veranstaltungen - Informationsveranstaltung für Heimbeiräte am 11.11.2009

Dokumentation der Informationsveranstaltung für Heimbeiräte vom 11.11.2009 in Hannover

Seit 1999 lädt der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen einmal im Jahr die Heimbeiräte niedersächsischer Wohnheime und Wohngruppen zu einer Informationsveranstaltung ein. In der Zwischenzeit nehmen rund 150 – 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Heimbeiräte aus Wohnheimen, Wohngruppen oder anderen Wohninstitutionen an den Veranstaltungen teil und tauschen ihre Erfahrungen aus. Dieser Erfahrungsaustausch findet in Arbeitsgruppen statt. Schon seit vielen Jahren werden immer vier bis fünf verschiedene Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen angeboten. Am Nachmittag werden die Arbeitsgruppen wiederholt, so dass jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer die Chance hat, an zwei verschiedenen Arbeitsgruppen teilzunehmen.

Aber mindestens genau so wichtig ist in der Zwischenzeit der informelle Austausch, der Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen Heimbeiräten geworden. Über die Jahre ist das Treffen der Heimbeiräte für sie eine feste Institution in Niedersachsen geworden.

Der informelle Erfahrungsaustausch kann hier nicht dokumentiert werden. Über die Inhalte der Arbeitsgruppen haben wir die jeweiligen Moderatorinnen und Moderatoren gebeten, eine kurze Zusammenfassung zu schreiben. Diese Zusammenfassungen dokumentieren so auch für Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten, in groben Zügen, welche Themen besprochen wurden.
Wir wünschen Ihnen beim Lesen der Dokumentation viel Freude.

Achtung – Hilferuf – Achtung:
Ähnlich wie bei den jährlich stattfindenden Tagungen für Werkstatträte, würden wir gerne auch die Tagungen der Heimbeiräte mit jeweils einem Heimbeirat gemeinsam vorbereiten. Daher bitten wir Heimbeiräte, die die  Veranstaltung für 2010 mit uns gemeinsam vorbereiten wollen, sich bei uns zu melden.In der Hoffnung, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Freude an die Veranstaltung erinnern und wir die Inhalte korrekt wiedergegeben haben und weiterhin der Hoffnung, dass auch die Menschen, die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten, aus dem Protokoll Anregungen für ihre Arbeit gewinnen können, freuen wir uns schon jetzt auf die Informationsveranstaltung für Heimbeiräte im Jahr 2010.

Arbeitsgruppe A:
An der neuen Heimmitwirkungsverordnung wollen wir mitarbeiten

Moderation und Bericht: Detlev Jähnert, Hannover
Bericht über die Arbeitsgruppe Heimmitwirkungsverordnung

Vorbemerkung

Da wir wieder, wie auch in den Vorjahren, viel zu viele Anmeldungen hatten, war es notwendig, die Gruppe Heimmitwirkungsverordnung so „aufzufüllen“, dass die anderen Arbeitsgruppen als Arbeitsgruppen arbeitsfähig waren. Dies führte in der Folge dazu, dass in der Gruppe Heimmitwirkungsverordnung in erster Linie ein Referat gehalten wurde.

Zunächst habe ich erklärt, was man im politischen Bereich unter Föderalismus versteht, nämlich einen Staat, der sich aus mehreren Ländern zusammensetzt, die sich mit einer Zentralregierung (in unserem Fall die Bundesregierung) die Staatsgewalt und Gesetzgebungskompetenz teilen.

Dies hat in der Folge sehr oft dazu geführt, dass Entscheidungsprozesse sehr langwierig waren und gemeinsame Ergebnisse nur möglich wurden, weil sehr viele Kompromisse geschlossen wurden.

Im Rahmen der so genannten Föderalismusreform haben die politisch Handelnden der Länder und der Bundesregierung nun beschlossen, dieses Verfahren zu ändern und zumindest für einige Bereiche die Zuständigkeit eindeutig entweder bei der Bundesregierung oder bei der Landesregierung anzusiedeln.

Für das Heimgesetz und damit auch die Heimmitwirkungsverordnung wurde diese Verantwortlichkeit bei den Ländern angesiedelt. Das heißt, dass nun jedes Bundesland ein eigenes Heimgesetz und entsprechende Heimmitwirkungsverordnungen verabschieden kann. Zurzeit ist die Situation so, dass das alte Heimgesetz der Bundesregierung mit seinen Verordnungen weiter gilt, bis die Bundesländer jeweils ein eigenes Gesetz erlassen.

Das Land Niedersachsen hat in der Zwischenzeit einen ersten Entwurf in die Verbandsanhörung gegeben. Von mir wurde ausführlich erläutert, wie ein Gesetz zustande kommt. Hier soll allerdings nicht weiter darauf eingegangen werden. Die Verbandsanhörung, zu der 35 Verbände angeschrieben wurden und 29 geantwortet haben, dazu drei, die überhaupt nicht gefragt worden waren, führte dazu, dass zurzeit über 200 Änderungsvorschläge bei der zuständigen Fachabteilung des Sozialministeriums liegen, die diese nun abarbeiten, prüfen und gegebenenfalls in einen neuen Entwurf einarbeiten muss. Des weiteren habe ich dann darauf hingewiesen, dass wir vom Büro des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen davon ausgehen, nachdem das Niedersächsische Heimgesetz verabschiedet worden ist, auch eine neue Heimmitwirkungsverordnung verabschiedet wird. Hier besteht die Chance, schon rechtzeitig als Betroffene oder Betroffener Stellung zu nehmen. Danach habe ich die wesentlichen Inhalte der Heimmitwirkungsverordnung, beschränkt auf den § 30 der Heimmitwirkungsverordnung, erläutert. Dies sind im Einzelnen:

  1. Aufstellung oder Änderung der Musterverträge für Bewohnerinnen und Bewohner der Heimordnung
  2. Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen
  3. Änderung der Entgelte des Heimes
  4. Planung und Durchführung von Veranstaltungen
  5. Alters- und Freizeitgestaltung
  6. Unterkunft, Betreuung und Verpflegung
  7. Erweiterung, Einschränkung und Einstellung des Heimbetriebes
  8. Zusammenschluss mit anderen Heimen
  9. Änderungen der Art und des Zwecks des Heimes oder seiner Teile
  10. umfassende bauliche Veränderungen oder Instandsetzungen des Heimes
  11. Mitwirkung bei Baumaßnahmen zur Förderung einer angemessenen Qualität der Betreuung
  12. Mitwirkung nach § 7 Abs. 4 des Gesetzes an den Leistungs- und Qualitätsvereinbarungen sowie an den Vergütungsvereinbarungen und nach § 7 Abs. 5 des Gesetzes an den Leistungs-, Vergütungs- und Prüfungsvereinbarungen.

Diese Punkte wurden dann im Einzelnen von mir noch erläutert und auf Rückfragen wurde vertiefende Auskunft gegeben. In der kurzen anschließenden Diskussion wurde dann jeweils vorgeschlagen, sich in einer Arbeitsgruppe rechtzeitig mit der Frage zu beschäftigen, welche Mitwirkungs- in Mitbestimmungsrechte umgewandelt werden können und was behinderte Menschen überhaupt von der geänderten niedersächsischen Heimmitwirkungsverordnung erwarten.

Von mir wurde zugesagt, dass vom Büro des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen in absehbarer Zeit zu einer ersten Sitzung einer solchen Arbeitsgruppe eingeladen wird.

Anmerkung

Die Arbeitsgruppe hat bereits das erste Mal im Januar 2010 getagt.

Arbeitsgruppe B:
Gemeinsam Leben lernen

Moderation und Bericht: Hans Ponton, München

GEMEINSAM LEBEN LERNEN e. V. in München hat die Konzeption für diese Wohnform entwickelt. Diese Konzeption wird derzeit in vier Wohngemeinschaften umgesetzt. Die erste WG wurde 1989 bezogen, die vierte WG 2006 als Angebot für Erwachsene mit geistiger Behinderung, die aus dem Arbeitsleben ausscheiden oder schon im Ruhestand sind. Die fünfte WG wird im März 2010 bezogen.

Anhand einer Powerpoint-Präsentation wurden die wichtigsten Merkmale dargestellt:

Wohnen – wie andere auch:

In der WG wohnen 5 Erwachsene mit geistiger Behinderung und 4 Bewohner ohne Behinderung (in der Regel sind dies Studenten).

Von der Selektion zu Inklusion

Warum muss der Mensch mit Behinderung ins Heim?
Der Mensch ist immer ganzer Mensch, nicht geschädigtes / beschädigtes oder unvollkommenes Geschöpf, nicht manipulierbares Forschungsobjekt.
Dies bedeutet ein Ja zur eigenen Persönlichkeit, Würde und Vollwertigkeit des Menschen mit Behinderung – die sich im christlichen Menschenbild begründet.
Dies ist im Grundgesetz und Folgegesetzen / Ausführungsbestimmungen gesetzlich verankert und in der UN-Konvention über Rechte behinderter Menschen aktualisiert.

Drei Motive aus gemeinsamen Erfahrungen

Die WG als ambulante Wohnform

Alle Bewohner haben einen eigenen Mietvertrag, einen eigenen Hausschlüssel. Die Achtung der individuellen Persönlichkeit, ihrer Rechte und Pflichten wird gelebt.
Für die beh. Bewohner ist die WG ihr Zuhause, für die nb Bewohner ist das Wohnen in der WG ein Abschnitt ihres Lebens.

Die WG als integrative Wohnform

Familienähnliche Strukturen – die Bewohner mit und ohne Behinderung leben und wohnen miteinander, nicht die ohne Behinderung (nb) für die mit Behinderung (beh).
Keine neuen „Versorgungsstrukturen“, sondern neue „Lebensstrukturen“.

Die Räumlichkeiten

Die Wohnungen sind alle angemietet und befinden sich im Einfamilienhaus wie auch in einer Großwohnanlage. Sie verteilen sich auf verschiedene Stadtbezirke und sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Jeder Bewohner hat sein eigens Zimmer, das er selbst einrichtet. Die Gemeinschaftsräume sind von GLL eingerichtet. Für die Zimmer der beh. Bewohner und die Gemeinschaftsräume kommt zweimal pro Woche eine Reinigungskraft.

Die Unterstützung

Die Nax Mitbewohner unterstützen im Alltagsgeschehen ihre beh. Mitbewohner. Wichtig ist auch der Kontakt zu den gesetzlichen Betreuern. Eine Fachkraft begleitet die WG von außen / Anleitung, Organisation, Verwaltung der Verwahrkonten (der beh. Bewohner) und der Haushaltskasse.

Das Zusammenleben

Jeweils ein beh. Bewohner und ein Nax Bewohner haben täglich Dienst. Es muss z.B. ja eingekauft und gekocht werden. In der Teambesprechung wird der „Dienstplan“ festgelegt. In der Bewohnerversammlung kommen Wünsche, Klagen und Anregungen zur Sprache und werden die Freizeitaktivitäten (Feste, Veranstaltungen, Wochenenden etc.) abgesprochen.
Die Freunde der Bewohner sind willkommene Gäste - das schafft neue Kontakte, einmal im Jahr gibt es einen gemeinsamen WG-Urlaub.

Der Alltag

Die WG bietet bedarfsorientierte Unterstützung zur Bewältigung des Alltags. Fordern und fördern sind dabei wichtige Elemente. Die Nachtbereitschaft wohnt im Haus (Nax Bewohner), die Betreuung bei Krankheit (wenn tagsüber die Anderen in der Arbeit oder in der Uni sind) wird zwischen den nb. Bewohnern und der Fachkraft abgesprochen.

Die WG finanziert sich über drei Säulen

  1. Grundsicherung / Lohn / Vermögen (für Lebenshaltungskosten, Miete etc.)
  2. Eingliederungshilfe (für Kosten der Betreuung)
  3. Pflegegeld (für pflegerische Leistungen).

Bei der anschließenden Diskussion standen folgende Fragestellungen im Mittelpunkt.

Arbeitsgruppe C:
Eine Großeinrichtung erweitert und verändert ihr Wohnangebot: Bewohnerinnen und Bewohner in die Stadt

Moderation und Bericht: Horst Müller, Hildesheim

Endlich ein gemeinsames Schlafzimmer.

„Es geht nicht um Wirtschaftlichkeit. Sondern darum, ein Wohnangebot zu schaffen, das den Bedürfnissen unserer Bewohner optimal entgegenkommt“, war meine Botschaft im vollbesetzten Seminarraum des Freizeitheims Vahrenwald. Viele wussten aus eigener Erfahrung, dass diese Haltung in der Eingliederungshilfe für Menschen mit geistigen und psychischen Beeinträchtigungen längst nicht selbstverständlich ist.

Über 250 Mitglieder von Heimbeiräten in ganz Niedersachsen – den Bewohnervertretungen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe – waren der Einladung des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen zum Erfahrungsaustausch nach Hannover gefolgt. Zu den Schwerpunktthemen gehörte eine Initiative der Diakonie Himmelsthür, die in Hildesheim ihre Angebotsstruktur grundlegend verändert.

Das nennen wir Konversion. Hinter dem Fachbegriff verbirgt sich ein Wandel in der Eingliederungshilfe: Der Trend geht weg von großen Wohnheimen an zentralen Standorten und hin zu kleinen Einheiten in normalen Wohnhäusern mitten in der Stadt. In Hildesheim-Sorsum, leben derzeit 527 Menschen. 200 von ihnen sollen innerhalb der nächsten fünf Jahre die Gelegenheit erhalten, in Stadtwohnungen umzuziehen. Das Ziel ist eine große Selbstständigkeit für geistig behinderte Menschen und ein möglichst normales Leben mitten in der Gesellschaft.

Dieser Prozess hat gerade erst begonnen. Im Stadtfeld und am Hohnsen sind erste Wohngemeinschaften gegründet worden. Die Zahl der Mitglieder pendelt zwischen zwei und vier, die Wohnungen befinden sich durchweg in Mietshäusern, in denen auch nichtbehinderte Menschen leben.

„Wir waren alle sehr aufgeregt“, erzählte Diakonie-Bewohnerin Regina Gehlhaar den gespannten Zuhörern. Einige der früheren Mitbewohner hätten zu große Angst vor dem Umzug in die Stadt gehabt und es deshalb vorgezogen, in Sorsum zu bleiben. Auch sie selbst sei zunächst unsicher gewesen, da sie seit ihrer Kindheit in Sorsum gelebt habe. Nach anderthalb Monaten in der neuen Stadtwohnung stand für Sie aber fest: „Jetzt ist es viel ruhiger und schöner. Und ich habe endlich ein Schlafzimmer mit meinem Verlobten zusammen.“

Wohnbereichsleiterin Astrid Bauseneik hat den Prozess von Anfang an begleitet. Sie berichtete, in einer Versammlung und mit Fragebögen seien die Bewohner nach ihren Wüschen gefragt worden. Auch Angehörige, gesetzliche Betreuer und Mitarbeiter hätten sich in Planungen eingebracht.

Psychologen und Ärzte unterstützten die Vorbereitung des Wechsels, auch in ihren Stadtwohnungen werden die behinderten Menschen von Fachkräften unterstützt. Denn vieles muss noch trainiert werden: Das eigenständige Einkaufen und Wäschewaschen, die Wege zur Arbeit und zu Freunden, das Essenkochen und andere Aufgaben im Haushalt.

„Alles, was zum Leben gehört, soll jeder möglichst selbst können“, war auch der Tenor der anschließenden Diskussion, die allerdings in erster Linie aus Fragen zu unserem Konversionsprozess bestanden.

Arbeitsgruppe D:
Wie Sie ihr Leben in den Griff kriegen, die persönliche Zukunftsplanung

Moderation und Bericht: Andrea Tischner, Kassel

Viele Bewohner/innen von Heimen können sich vorstellen, auch in einer anderen Wohnform, zum Beispiel einer Wohngruppe oder in einer eigenen Wohnung zu leben. Wie kann dies verwirklicht werden? Unter anderem mit der „Persönlichen Zukunftsplanung“.

Die Persönliche Zukunftsplanung ist eine Technik, mit der Menschen mit Behinderungen mehr Verantwortung für sich übernehmen können. Sie hilft, den weiteren Lebensweg zu planen. Dabei werden konkrete Ziele entwickelt, z. B. Erlangung eines anderen Wohnortes und die notwendigen Schritte zu diesem Ziel beschrieben.

In dieser Arbeitsgruppe wurde am konkreten Beispiel eines Teilnehmers die Persönliche Zukunftsplanung vorgestellt

Zunächst ging es darum zu klären:

Was ist die Persönliche Zukunftsplanung überhaupt?

Persönliche Zukunftsplanung setzt sich aus vielen verschieden Methoden zusammen und ist ein Konzept, selbstbestimmt einen individuellen Lebensentwurf zu gestalten.

Persönliche Zukunftsplanung ist ein Instrument, mit dessen Hilfe Menschen gemeinsam mit anderen für sie wichtigen Personen ihre ganz persönlichen Wünsche, Träume, Bedürfnisse und Ziele definieren und umsetzen können.

Grundsätzlich ist Persönliche Zukunftsplanung ein Ansatz, den jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen kann, egal in welchem Alter und ob behindert oder nicht.

„Persönliche Zukunftsplanung ist etwas für Menschen,
die etwas in ihrem Leben verändern wollen.“[1]
(Göthling 2004)

Denn jeder Mensch hat eine Zukunft und das Recht, diese nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Bekannt geworden ist dieser Ansatz in Deutschland im Zusammenhang mit der Planung neuer und anderer Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderung, insbesondere für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Persönliche Zukunftsplanung eignet sich besonders für Menschen in Übergangssituationen bzw. bei Veränderungen der Lebenssituationen, wie z.B. der Übergang von der Schule in die Ausbildung oder den Beruf, bei der Lösung aus dem Elternhaus in die eigene Wohnung oder die Trennung aus einer Partnerschaft. Solche Übergänge oder Umbrüche im Leben eines Menschen tragen stets das Potential krisenhafter Entwicklungen in sich, insbesondere für Menschen mit Behinderung im Kontext integrativer Orientierung. Denn meist sind die traditionellen Wege wenig attraktiv, aber echte Alternativen noch nicht wirklich etabliert.

Grundsätzlich betrachtet ist Persönliche Zukunftsplanung das Gestalten eines neuen, anderen Lebensentwurfes einer betroffenen Person, gemeinsam mit einem von ihr ausgewählten Unterstützerkreis.

Eine solche Planung beinhaltet immer das Nachdenken über die eigene Zukunft, das Finden einer Zielsetzung, gemeinsames Erarbeiten erster Schritte und im günstigsten Fall das Erreichen dieser Ziele.

Es geht hier also um ein verändertes Denk- und Handlungsmuster, in dem nicht mehr die Frage gestellt wird, in welche Maßnahme des bestehenden Systems die Person passt, sondern vielmehr:

Dabei stehen die Vorstellungen der planenden Person und ihre damit verbundenen Ziele immer im Vordergrund. Sie sind der Mittelpunkt einer jeden Planung.

Persönliche Zukunftsplanung ist ein Prozess, in dessen Verlauf es auch darum geht, für behinderte Menschen eine Plattform zu schaffen, gemeinsam mit anderen über die Zukunft zu sprechen. Während Menschen mit einer Körper- bzw. Sinnesbehinderung auch im alltäglichen Leben die Chance haben, mit Freunden, Bekannten oder im Familienkreis über Zukunftswünsche zu reden, ist Persönliche Zukunftsplanung für Menschen mit Lernschwierigkeiten oft der erste und einzige Weg, mit anderen Menschen über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Bei Persönlicher Zukunftsplanung geht es nicht darum, das Leben der planenden Person perfekt zu gestalten, sondern vielmehr, um eine für den Menschen unter Berücksichtigung seiner Wünsche und Bedürfnisse gute und lebbare Lebensqualität zu erreichen. Der Fokus sollte dabei auf der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in der Gemeinde, in der die planende Person lebt oder leben möchte, liegen.

Anhand einer Power Point Präsentation in „Leichter Sprache“ und somit für alle TeilnehmerInnen der Arbeitsgruppe leicht zugänglich, wurde das Konzept der „Persönlichen Zukunftsplanung“ erklärt und mit einigen Beispielen aus der Praxis nochmals verdeutlicht. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl der Arbeitsgruppen waren praktische Übungen nicht möglich, aber dennoch entfachten sich in beiden Arbeitsgruppen (Vormittags- und Nachmittagsgruppe) rege Diskussionen zum Thema Wohnformen - „Wie will ich leben“.

Einige TeilnehmerInnen erzählten von ihrer aktuellen Wohnform und von ihren Wünschen und Träumen für die Zukunft.

Viele der TeilnehmerInnen wohnen aktuell in Wohnheimen, Wohngruppen, betreutem Wohnen oder noch im Elternhaus. Bei vielen TeilnehmerInnen gingen die Zukunftsträume und -wünsche in Richtung eigenständiges, eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Wohnen in einer eigenen Wohnung. In diesem Zusammenhang wurden von einigen TeilnehmerInnen auch die unterschiedlichen Vorstellungen von Unterstützungsbedarfen, -bedürfnissen und -möglichkeiten angesprochen.

Unterstützung sollte zum Beispiel:

Am Schluss der Arbeitsgruppe waren einige der TeilnehmerInnen sehr interessiert und konnten sich durchaus vorstellen, mit Hilfe von „Persönlicher Zukunftsplanung“ und guten Unterstützerkreisen, erste Schritte in Richtung „eigenständiges Wohnen in einer eigenen Wohnung“ zu machen.

Es war ein sehr anregender und informativer Austausch, mit dem Ergebnis, dass vor dem Hintergrund des sich vollziehenden Paradigmenwechsels in der traditionellen Behindertenhilfe, veränderte Handlungskonzepte in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung notwendig werden. Persönliche Zukunftsplanung eröffnet im Kontext der veränderten Verständnis- und Deutungsmuster und im Sinne eines veränderten Handlungskonzeptes neue Perspektiven im Umgang mit Menschen mit Behinderungen. Zudem kann sie eine gute Alternative zu derzeit noch bestehenden Hilfeplanungskonzepten sein.

 

Literatur:

Emrich, Carolin 2008: Ich gehe meinen eigenen Weg. Das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung. In: Orientierung -Fachzeitschrift der Behindertenhilfe, (Hrsg.): BeB - Bundesverband evangelische Behindertenhilfe, 1/2008, Berlin

Boban, Ines & Hinz, Andreas 1999: Persönliche Zukunftskonferenzen – Unterstützung für individuelle Lebenswege. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 4/5/99

Doose, Stefan & v. Kann, Peter 2004B: Zukunftsweisend. Peer Counseling & Persönliche Zukunftsplanung. Kassel

Arbeitsgruppe E:
Obwohl wir älter werden, wollen wir weiterhin mitten in der Gesellschaft leben und dort unsere freie Zeit verbringen“.

Moderation und Bericht: Eduard Humrich, Hannover

An der Arbeitsgruppe nahmen ca. 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Vormittag und ca. 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag teil.

In der Arbeitsgruppe sollte überlegt werden, welche Möglichkeiten der Tagesgestaltung  für Menschen mit Behinderung nach Beendigung der Berufstätigkeit es außerhalb der Wohnheime geben kann.

Die Möglichkeiten der Freizeitbetätigung wurden am Beispiel der Angebote der Landeshauptstadt Hannover vorgestellt. Insbesondere informierte Herr Humrich vom Kommunalen Seniorenservice Hannover (KSH) über die Beratung im Senioren Service Zentrum, über die Einzellfallhilfe, über die Wohnraumanpassung für Seniorinnen und Senioren und über die breite Angebotspalette der offenen Seniorenarbeit
(Sozialräumlich orientierte Arbeit und Arbeit mit Ehrenamtlichen).

Ein wichtiger Baustein in der offenen Seniorenarbeit sind die Gruppenangebote für Seniorinnen und Senioren. Hier reicht das Angebot von Gesprächskreisen, Kegelgruppen, Wandergruppen, Gedächtnistraining über Tanzgruppen bis hin zu Selbsthilfegruppen.
Diese Angebote dienen in erster Linie der Verringerung von Einsamkeit und der Schaffung von sozialen Netzwerken. Die Gruppenveranstaltungen werden ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angeboten.

Im Anschluss an den Vortrag entfachte ich in beiden Gruppen, am Vormittag und Nachmittag, eine interessante und lebhafte Diskussion.

Für etliche Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer ist es vorstellbar, auch Angebote außerhalb der Einrichtungen zu besuchen. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschen sich insbesondere Gruppen bei denen Aktivitäten im Vordergrund stehen.  Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer formulierten jedoch die Sorge, dass sie in den Seniorengruppen nicht willkommen sind. Grund dafür sei die vorurteilsvolle Einstellung und Informationsdefizite vieler Menschen gegenüber behinderten Menschen.
Zum Abschluss der Diskussion wurde gemeinsam festgestellt, dass es wichtig sei, Angebote außerhalb der Wohnheime zu besuchen, um Kontakte nach Außen aufbauen zu können und dieser Einstellung entgegenzuwirken. Gemeinsamen Freizeitaktivitäten und „gemeinsames Kennenlernen“ sind gut geeignet dafür Vorurteile auf beiden Seiten abzubauen. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer forderten dazu auf, ein Stück mutiger zu sein und Freizeitangebote außerhalb der Einrichtungen zu besuchen.

Mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den ländlichen Bereichen des Landes Niedersachsen beschrieben als Hinderungsgrund Freizeitangebote wahrzunehmen die schlechte Erreichbarkeit mit dem öffentlichen Nahverkehr. Insbesondere am Wochenende sei es oft nicht möglich die Wohnheime zu verlassen. Daraus entwickelte sich in beiden Gruppen eine lebhafte Diskussion zu den besonderen Problemen mit dem öffentlichen Nahverkehr und der daraus resultierenden fehlenden eigenen Autonomie. Hier wurde klar der Wunsch nach einer Verbesserung der Situation formuliert.

Abschließend wurde ein interessanter Film über den ehrenamtlichen Handwerkerdienst des KSH gezeigt. Der Handwerkerdienst ist ein ehrenamtlich organisierter Hilfsdienst, wobei ehrenamtlich engagierte Senioren hilfebedürftigen Senioren helfen.

 



[1] Göthling, Stefan 2004: Persönliche Zukunftsplanung als Chance für mehr Selbstbestimmung. In: www.behindertenarbeit.at (Artikel im Besitz von Mensch zuerst-Netzwerk People First Deutschland e.V