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Behindertenpolitik - Tag des Hörens

Grußwort von Karl Finke, Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen, zum Tag des Hörens am 25. April 2001 in Braunschweig

Da ich aus Termingründen an einer persönlichen Teilnahme am Tag des Hörens gehindert bin, möchte ich dem Landesverband der Schwerhörigen und Ertaubten Niedersachsen auf diesem Weg viel Erfolg und ein reges Besucherinteresse für den Tag des Hörens am 25. April 2001 wünschen. Sie wollen mit dieser Veranstaltung das Hören in allen seinen Schattierungen ins Bewußtsein auch nichtbehinderter Menschen rücken und für die gesellschaftliche Integration von Schwerhörigen und Ertaubten werben. In diesem Bemühen haben Sie meine volle Unterstützung. Über die Anerkennung der Gebärdensprache wird zur Zeit auf intensiv diskutiert. Ich hoffe, daß sie in naher Zukunft erfolgen wird. Daneben braucht es auch je unterschiedliche technische Hilfen für Gehörlose, Ertaubte und schwerhörige Menschen.

An drei Beispielen möchte ich zeigen, daß auf der einen Seite die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen allgemein, aber auch speziell von Schwerhörigen und Ertaubten zunimmt, sich andererseits in Form von gewalttätigen Übergriffen eine dumpfe Stimmung gegen "andersartige Menschen" ausbreitet.

In den vergangenen Monaten ist es wiederholt zu gewaltsamen Übergriffen gegen hörbehinderte Menschen gekommen. Im Oktober vergangenen Jahres wurde in Eberswalde ein gehörloser Siebzehnjähriger von jugendlichen Rechtsradikalen halb tot geprügelt. Dieser und andere Vorfälle haben dazu geführt, daß sich Gehörlose mit anderen Gruppen im Projekt "People are People" zusammengeschlossen haben, um so gemeinsam gegen rechte Gewalt zu protestieren und dabei besonders auf die Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen aufmerksam zu machen. Über die Internetseite www.taubenschlag.de werden Informationen ausgetauscht und Aktivitäten geplant. Angesichts rechtsradikaler Umtriebe gilt: Nur wenn sich alle Betroffenengruppen zusammentun und in der Gesellschaft offensiv für ihre Integration und für eine Akzeptanz von Menschen unterschiedlichster Behinderungsarten, aber auch von ausländischen Mitbürgern und zum Beispiel Obdachlosen eintreten, wird es vielleicht gelingen rechtsradikaler Gewalt Einhalt zu gebieten.

Den Gewalttaten gegen Menschen mit Behinderungen stehen aber auch positive Zeichen entgegen. Insbesondere im Bereich der Kultur öffnet sich die Gesellschaft für die besondere Lebensform von Schwerhörigen und Ertaubten. Der Film "Jenseits der Stille", der Nichtbehinderte mit dem Leben von gehörlosen Menschen vertraut macht, wurde in Deutschland zum Kassenschlager. Im Dezember vergangenen Jahres fand in Frankfurt zum ersten Mal ein großes Rockkonzert mit Übersetzung in Gebärdensprache statt. Peter Maffay, eine der Rocklegenden unseres Landes, hatte sich dazu bereit erklärt. Nun mag seine Musik nicht den Geschmack aller treffen, ein positiv ausstrahlendes Beispiel kann und sollte dieses Konzert in jedem Fall sein!

Bisher sind schwerhörige und ertaubte Menschen häufig durch unsichtbare Barrieren von ihrer Umwelt getrennt. Zwei große Gesetzesvorhaben sollen hier Abhilfe schaffen: Das kürzlich verabschiedete Sozialgesetzbuch IX und das noch zu verabschiedende Gleichstellungsgesetz des Bundes.

Menschen mit Behinderungen werden durch die Politik nicht mehr vorrangig als Objekt staatlicher Fürsorge, sondern als Bürgerinnen und Bürger mit Rechten gesehen. Das Ziel beider Gesetze ist klar formuliert: Die Förderung der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Leben in der Gesellschaft und die Vermeidung von Benachteiligungen Behinderter.

Das vor kurzem verabschiedete Sozialgesetzbuch IX beinhaltet in § 57 unter der Überschrift "Förderung der Verständigung" folgende Regelung:

"Bedürfen hörbehinderte Menschen aufgrund ihrer Behinderung zur Verständigung mit der Umwelt aus besonderem Anlaß der Hilfe anderer, werden ihnen die erforderlichen Hilfen zur Verfügung gestellt oder angemessene Aufwendungen hierfür erstattet."

Egal, ob es um die Verständigung bei Behörden, Gerichten, beim Arzt oder mit Arbeitgebern geht, Sie haben in Zukunft ein Recht auf Unterstützung bei der Kommunikation.

Integrationsfachdienste, die der Eingliederung von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt dienen, werden zukünftig auch die Belange Hörbehinderter zu berücksichtigen haben, weil das SGB IX den besonderen Bedarf an arbeits- und berufsbegleitender Betreuung bei Menschen mit Sinnesbehinderungen betont, sofern die Betroffenen diese Unterstützung in Anspruch nehmen wollen.

Gesetze allein führen, wie wir alle wissen, aber nicht automatisch zu einem gleichberechtigten Zusammenleben aller Menschen in der Gesellschaft. Aus diesem Grund sind Veranstaltungen wie der Tag des Hörens von besonderer Bedeutung. Die Möglichkeit, Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen zu knüpfen, über die eigene Lebenssituation aufzuklären und sich gegenseitig zu ermutigen, ist wahrscheinlich mindestens ebenso wichtig für eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben, wie Gesetze und Verordnungen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen am Tag des Hörens viel Erfolg.

Karl Finke