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Rede des Landesbeauftragten Karl Finke

Rede des Landesbeauftragten Karl Finke zur Inklusion von behinderten Kindern in Krippen

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke für die mir gegenüber ausgesprochene Einladung und folge gern der an mich herangetragenen Bitte, einen kurzen Beitrag zum Thema aus der Sicht des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen zu liefern:
Ein Fachforum zum Thema „Inklusion U 3“ ermuntert mich geradezu, den häufig verwendeten und unterschiedlich interpretierten Begriff der „Inklusion“ und hier insbesondere den inhaltlichen Bezug zu Kindern mit Behinderungen zu durchleuchten.

Inklusion beinhaltet nicht nur das Recht aller Kinder auf gemeinsame Bildung, sondern auch auf Erziehung und so ist es konsequent, dass nicht nur Schulen, sondern auch Kindertagesstätten so ausgestattet werden, dass sie kein Kind aussondern müssen. Nur so kann ein entscheidender Beitrag dazu geleistet werden, Inklusion auch in Kindertageseinrichtungen umzusetzen und Inklusion in Kindertagesstätten auf den Weg zur gemeinsamen Bildung und Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder zu bringen. Inklusion in Kindertagesstätten zu ermöglichen und zu gestalten ist auch ein Ergebnis der UN-Behindertenrechtskonvention. Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist die Konvention auch in Deutschland geltendes Recht geworden und bindet alle öffentlichen Träger in ihren Entscheidungen. So wird in Art. 7 der Konvention insbesondere auf die Rechte behinderter Kinder hingewiesen. In Art. 7 heißt es wie folgt:

„Die Vertragsstaaten treffen alle erforderlichen Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass Kinder mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Kindern alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen können. Bei allen Maßnahmen, die Kinder mit Behinderungen betreffen, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist. Die Vertragsstaaten gewährleisten, dass Kinder mit Behinderungen das Recht haben, ihre Meinung in allen sie berührenden Angelegenheiten gleichberechtigt mit anderen Kindern frei zu äußern, wobei ihre Meinung angemessen und entsprechend ihrem Alter und ihrer Reife berücksichtigt wird und behinderungsgerechte sowie altersgemäße Hilfen zu erhalten, damit sie dieses Recht verwirklichen können.

In dem von mir in Hannover ins Leben gerufenen „round table Integration“, jetzt Inklusion, dem Treffen von Fachleuten, Elterninitiativen und Verbänden aus Niedersachsen, befassen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon lange mit der frühkindlichen Förderung behinderter Kinder. Zum Beispiel referierte auf dem round table Inklusion der Geschäftsführer, Herr Sifka und Frau Engelhardt vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Es wurden damals die Hauptziele und Forschungsaufträge des nifbe vorgestellt unter dem Tenor „Auf die ersten Jahre kommt es an!“ Auch hier wurde das Thema Inklusion insbesondere im Hinblick auf gesellschaftliche kommunale Rahmenbedingungen, familiäres Umfeld und ganzheitliche Bildung diskutiert (das ist nur ein Hinweis auf unsere Arbeit).

Auch auf der Fachtagung „Auf dem Weg zur Inklusion in der Schule“ am 08.04.2011 wurde auf dem Round table Inklusion der Art. 24 der UN-Behindertenrechtskonvention und das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung ohne Diskriminierung und auf der Grundlage von Chancengleichheit mit dem Ziel eines inklusiven Bildungssystems diskutiert. Inklusion ist das neue Leitbild für ein inklusives Bildungssystem. Dabei wird die Individualität und Vielfalt der Menschen besonders geachtet. Das heißt, behinderte Kinder werden nicht ausgegrenzt, sondern einbezogen und willkommen geheißen. Gemeinsame Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen muss zur Regel werden, um Verständnis und Achtung füreinander schon zu fördern. Dazu müssen im Einzelfall die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Das gilt auch für den Bereich der frühkindlichen Förderung. Das ist eine Chance für die Kinder in den Kindertageseinrichtungen, dieses inklusive Angebot anzunehmen, weil am Anfang der Leistungs- und Konkurrenzdruck noch nicht so groß ist, wie möglicherweise später in der Schule. Wichtig ist natürlich, dass die Politik inklusive Leitideen bzw. Ziele konkret formuliert, um eine inklusive Kindertageseinrichtung auch vorhalten zu können. Inklusion heißt, jedes Kind ist willkommen. Um es mit i.S. von Frau Professorin Jutta Schöler auszudrücken, die auch zur Inklusion in der Schule auf dem Round table Inklusion im April 2011 hier in Hannover referierte:

„Je schwerer die Behinderung ist, um so notwendiger braucht ein Kind die vielfältigen Anregungen der nichtbehinderten Kinder. Und das heißt in der Praxis in den Kindertagesstätten, dass nichtbehinderte und behinderte Kinder von Anfang an mit Verschiedenheit gemeinsam leben. Denn ein Kind mit Behinderung ist in erster Linie ein Kind. Und wohnortnahe Kindertagesstätten für behinderte und nichtbehinderte Kinder schaffen von Anfang an einen gemeinsamen sozialen, inklusiven Lebensalltag. Deshalb ist die Kindergartenzeit für Kinder mit Behinderungen im wohnortnahen Kindergarten unbedingt notwendig. Natürlich müssen alle beteiligt werden, die bei der Erziehung und Betreuung eingebunden sind, damit sich jedes Kind willkommen fühlt im inklusiven Kindergarten. Dazu gehören natürlich die Rahmenkonzepte für die Inklusion, Einbindung von Kommunen, Stadtplanung, Wohnungsbau, strukturelle Voraussetzungen wie räumliche, personelle, sachliche Rahmenbedingungen müssen gewährleistet werden. Und man darf nicht vergessen, dass es natürlich auch so genannte Kooperationsvereinbarungen evtl. mit anderen Einrichtungen geben muss, wie Beratungsstellen für den Bereich oder sonderpädagogische Kindergärten etc. Es muss gelernt werden, dass nicht das einzelne Kind der Gesellschaft angepasst werden muss, sondern die Gesellschaft gibt jedem Individuum, so wie es ist, den notwendigen Raum zu eigener Entfaltung. Inklusion zielt also darauf ab, die Teilhabe aller Kinder am Lernen und Spielen in Kindertagesstätten zu ermöglichen.

Natürlich stehen wir noch am Anfang mit pädagogischen Visionen. Aber die Vorteile von Inklusion stehen eindeutig im Vordergrund. Die Kinder, ob behindert oder nichtbehindert, lernen einander früh kennen und können die Vielfalt begrüßen. Kinder können Vorurteilen begegnen. Kinder können Verantwortung füreinander übernehmen. Inklusion heißt Gleichheit, Teilhabe, Respekt in der Gemeinschaft, damit Zugehörigkeit und Teilhabe trotz Vielfalt zu ermöglichen und gleiche Chancen in Kindertagesstätten (KiTa) zu gewährleisten von Anfang an. Kinder sollen in der KiTa eine auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgerichtete spezifische Förderung und Unterstützung erhalten. Diese gemeinsame Erziehung ist dabei eingebettet in einen gesellschaftlichen Auftrag durch die UN-Behindertenrechtskonvention. Aber viele Kindertageseinrichtungen fühlen sich den ungewöhnlichen Bedürfnissen behinderten Kindern oft weder fachlich, zeitlich noch räumlich gewachsen. Darüber hinaus darf man nicht den Widerstand von Sondereinrichtungen außer Acht lassen. Das wichtigste ist im Moment das bewusst machen und Vorteilen von Inklusion und der Abbau von Vorurteilen gegen Inklusion. Inklusion heißt vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung und das muss zur Grundlage haben, dass alle Beteiligten rund um das Kind zu dem Wohl des Kindes mit ihm zusammenwirken müssen auf der Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention.

Natürlich stellt Inklusion erhöhte Anforderungen an die Fachkräfte. Diesem Bedürfnis kann durch Qualifikation und vor allem Qualifikationsbereitschaft der Fachkräfte Rechnung getragen werden. Trotz klarem Auftrag der UN-Behindertenrechtskonvention steht der inklusive Prozess in Kindertagesstätten, aber auch in Schulen noch kritisch auf dem Prüfstand. Hier muss energisch entgegen gewirkt werden. Denn ein Schlüsselelement der inklusiven Pädagogik in Kindertageseinrichtungen ist und bleibt die umfassende Teilhabe und damit die Inklusion. Heute geht es ja auch um die Aufnahme von Kindern unter drei Jahren (U 3), also die Betreuung von Kindern mit und ohne Behinderungen unter drei Jahren. Die pädagogische Arbeit mit Kindern U 3 brauchen eine erweiterte Kindergartenpädagogik. Jedes der ersten drei Entwicklungsjahre ist ein besonderes und bedarf daher besonderer Beachtung. Unterschiedliche Entwicklungsphasen bedingen unterschiedliche Anforderungen an Eltern, Kindertageseinrichtungen und Fachkräfte.

Jedes Kind hat ein Recht auf eine ihm förderliche Entwicklungsumgebung und soziale Teilhabe von Anfang an, Auch unter drei Jahren. Das heißt: Kinder unter drei Jahren, die aufgrund ihrer Behinderung eine zusätzliche Förderung bedürfen, sind in gemeinsamen Gruppen mit nichtbehinderten Kindern zu betreuen. Ein Kind, das das erste Lebensjahr vollendet hat, hat bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres Anspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder in einer Kindertagespflege (§ 24 Abs. 2 SGB VIII, gültig ab 01.08.2013). Dies ist die gesetzliche Grundlage.

Schon der Exbundespräsident Richard von Weizsäcker hat es 1984 auf den Punkt gebracht: Inklusion ist das wichtigste Ziel der internationalen Bildungspolitik im 21. Jahrhundert. Er weist damit auf das Ergebnis der UNESCO-Konferenz in Salamanka im selben Jahr hin. Je kleiner die Kinder, desto unbefangener und unvoreingenommener ohne Vorurteile können sie mit Unterschieden umgehen. Sie lernen von Anfang an. Es ist normal, verschieden zu sein. Jedes Kind hat ein Recht auf gleichberechtigte soziale Teilhabe.

Im 13. Kinder- und Jugendbericht der WHO heißt es Förderung von umfassenden Wohlbefinden (Wohl des Kindes). „Dazu ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.“

Die Betreuung der behinderten Kinder U 3 stellt eine neue Herausforderung dar, die Startbedingungen behinderter Kinder zu verbessern und die Entwicklung aller Kinder zu fördern. Erfahrungen haben gezeigt, dass eine erfolgreiche Inklusion weniger von Art oder Schwere einer Behinderung des Kindes abhängt, sondern vielmehr von den personellen und konzeptionellen Rahmenbedingungen der jeweiligen Kindertageseinrichtung.

Was in vielen Ländern schon zur Alltagsroutine zählt, sollte doch in Deutschland auch möglich sein. Nämlich, dass Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam und unter den gleichen Bedingungen lernen. Das Kindeswohl hat also immer Vorrang. Bei allen Entscheidungen ist das Wohl des Kindes sowohl nach Art. 3 der UN-Kinderrechtskonvention als auch nach Art. 7 der UN-Behindertenrechtskonvention mit Vorrang zu berücksichtigen. Das verlangt von allen Entscheidungsträgern eine konsequente Abwägung der Interessen der Kinder. In einem Aufsatz von Theresia Degener wird die UN-Behindertenrechtskonvention als Inklusionsmotor bezeichnet. Und dieser Inklusionsmotor muss es doch möglich machen, eine qualitativ und wirksame gute inklusive Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern auch unter drei Jahren in Kindertageseinrichtungen zu organisieren und zu praktizieren. Ein Ausbau der U 3 Betreuung ist damit unerlässlich und bedarf Unterstützung.

Vergessen wir nicht: ab 2013 gilt der Rechtsanspruch auf einen Platz in der U 3 Betreuung. Die Zeit wird knapp, und es ist bis dahin noch viel zu tun, um zu einem sozialen, gerechten und vor allem inklusiven Bildungssystem ab der KiTa zu kommen.

Und zum Abschluss möchte ich einen Satz zitieren von Carlo Coelho:
„Die Kraft unserer Träume liegt darin, unsere Sicht der Dinge und damit auch die Welt zu verändern. Wenn genug Menschen einen bestimmten Traum haben, dann wird er am Ende Realität werden.“

Fazit: Inklusion ist wie eine gemeinsame Sprache, die von behinderten und nichtbehinderten Kindern verstanden werden kann. Und in dem wir diese gemeinsame Sprache Sprechen, sind wir auch in der Lage, miteinander ohne Vorurteile zu kommunizieren.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

Kontakt: Karl Finke (0511) 120-4007