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Behindertenpolitik - Rede vom 14.07.2006

Vorstandssitzung des Niedersächsischen Bundes für freie Erwachsenenbildung e.V.

14.07.2006 ein Referat zum Thema "Förderung integrativer Erwachsenenbildung"

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich danke Ihnen für die Einladung zu Ihrer heutigen Sitzung und für die Möglichkeit, mit Ihnen ein spannendes und seit Jahren erfreulicherweise an Bedeutung zunehmendes Thema zu besprechen. Es geht heute um die weitere Entwicklung der Erwachsenbildungsarbeit für, und wie ich hoffe, mit behinderten Menschen, die in Niedersachsen große Fortschritte gemacht hat. So haben z. B. allein die niedersächsischen Volkshochschulen die Zahl der durchgeführten Kurse mehr als verdoppelt (von 432 in 2000 auf 908 in 2004). Die Zahl der Unterrichtsstunden bei diesen Kursen im gleichen Zeitraum von 25.392 auf 35.306. Das entspricht übrigens, und das finde ich schon sehr bemerkenswert, 35,4% aller in Deutschland für Menschen mit Behinderung angebotenen Kurse, obwohl in Niedersachsen nur rund 10% der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung lebt.

Das zur Quantität, die für das Bildungsinteresse von Menschen mit Behinderung spricht, aber lassen Sie mich nun zur Qualität kommen. Und gleich vorweg, die bemisst sich für mich daran, ob diese Kurse Teilhabe ermöglichen, Benachteiligung abbauen und methodisch didaktisch auf behinderte Menschen ausgerichtet sind.

Dem trägt das Niedersächsische Erwachsenenbildungsgesetz auch Rechnung, in dem es in § 8 bestimmt, dass Bildungsmaßnahmen, die besonderen gesellschaftlichen Erfordernissen entsprechen, mit einem erhöhten Faktor gewichtet werden. Und dazu gehören Bildungsmaßnahmen, die geeignet sind, die soziale Eingliederung von Menschen mit Behinderungen zu fördern und deren spezifischen Benachteiligungen zu mildern oder auszugleichen. Dies ist eine gute Formulierung, mit denen die Bildungsanbieter, aber auch die Bildungsnutzer vermutlich sehr gut leben können.

Geradezu im Widerspruch dazu steht die Formulierung von § 7, Abs. 10 der Durchführungsverordnung zum Niedersächsischen Erwachsenenbildungsgesetz, in der es heißt:

"Maßnahmen, die geeignet sind, die soziale Eingliederung von Menschen mit Behinderungen zu fördern oder deren spezielle Benachteiligung zu mildern oder auszugleichen, müssen den besonderen Bedürfnissen geistig, seelisch und körperlich behinderter Menschen Rechnung tragen und für diesen Personenkreis ausgeschrieben sein."

Auch mit diesem Satz könnten wir vermutlich gut leben, wenn er in der Verwaltungspraxis so interpretiert würde, dass an diesen Seminaren auch nichtbehinderte Menschen teilnehmen dürfen, die nicht Angehörige oder Betreuer sind. "Sondererwachsenenbildung "anzubieten, in Kooperation mit Einrichtungen der Behindertenhilfe, ist, wie die oben genannten Zahlen belegen, eine mögliche Form für Bildungsangebote für den Personenkreis von Menschen mit gravierenden Behinderungen. Aber der nächste Schritt zur Selbstständigkeit der gemeinsame Besuch von Erwachsenbildungsangeboten mit nichtbehinderten Menschen müsste im Sinne der Formulierung des Gesetzes über die DVO zumindest als Wahlmöglichkeit oder Alternative zugelassen sein - hierbei sind die Gestaltungsräume zugunsten der Bildung behinderter Menschen zu nutzen.
Gemeinsames, integratives Lernen in speziell angekündigten Kursen kann eine Brücke zur gleichberechtigten Teilhabe an allgemeinen Kursen sein. Weniger leistungsorientierte Seminarthemen ohne Prüfung wie beispielsweise Inhalte der allgemeinen und kulturellen Bildung, aber auch politische Bildung oder aktuell, gefragten Angeboten wie Computer-Clubs sind als integrative Kursangebote auch für Menschen ohne Behinderung attraktiv. Bei ihnen ist das Gelingen von gemeinsamem Lernen zu erwarten. Der Kursumfang dieser Kurse wird deutlich geringer sein, als der der speziellen Kurse für behinderte Menschen. Da die EBG - Förderung nur einen Teil des Kursleiterhonorars deckt, keinen Einsatz von Assistenz oder einer zweiten Kursleitung ermöglicht, sind integrative Seminare immer von viel Engagement und meistens durch Kooperationen möglich. Die Förderung durch das EBG und die DVO sollte einen Anreiz für solche Projekte bieten.
Ich könnte noch damit leben, meine Damen und Herren, dass wir eine Quotierung kriegen, dass wir z. B. analog einer Bestimmung im SGB IX sagen, an integrativen
Maßnahmen sollen mindestens ein Viertel und dürfen maximal 75 % behinderte Menschen teilnehmen (Bezug: Integrationsfirmen). Aber die Teilnahme von Menschen mit Behinderung auszuschließen, das geht heute nicht mehr - nicht zuletzt, weil dies von den betroffenen behinderten Menschen zunehmend eingefordert und durch den Einsatz vieler engagierter Pädagogen unterstützt wird, ist die Forderung nach integrativer Erwachsenenbildung und lnklusion vorrangig geworden.

Auch bezüglich des Spektrums der förderungsfähigen Inhalte sollte festgelegt werden, wie sich die besonderen Bildungsbedürfnisse von schwerer beeinträchtigten Menschen mit dem EBG vereinbaren lassen.

Das EBG fördert 12 Kategorien von Bildungsmaßnahmen, als den besonderen gesellschaftlichen Erfordernissen entsprechend. Die Behindertenbildung gehört dazu. Wie bereits erwähnt, decken die EBG-Mittel weder Kursleiterhonorare noch Mietkosten oder anderes mehr. Die Zielgruppe der Menschen mit Behinderung hat in hohem Prozentsatz ein Einkommen aus Grundsicherungsleistungen, teilweise nur Taschengeld. Die Entgelte müssen von daher im Vergleich zu anderen VHS-Kursen ermäßigt oder niedrig sein, damit Teilnahme überhaupt möglich ist. Fehlende Fahrdienste oder Begleitung komplizieren die Durchführung von Kursen zusätzlich. Deswegen finde ich es nicht nachvollziehbar, wenn die Landesregierung einzelne Gruppen von Bildungsangeboten, wie ländliche Modellkurse und den Zweiten Bildungsweg, besonders fördert, sofern dies auf Kosten der anderen Themenbereiche die Summe pro Unterrichtsstunde reduziert.

Zusammenfassend bitte ich Sie, folgende Ziele zu vereinbaren:

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.