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Behindertenpolitik - Empowerment als Ausdruck einer neuen Sichtweise von Menschen mit Behinderungen

Karl Finke, Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen

Vortrag anläßlich der Fachtagung "Beteiligung schwer gemacht? Empowerment und Selbsthilfe bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen"

Empowerment als Ausdruck einer neuen Sichtweise von Menschen mit Behinderungen:
Weg von der Defizitorientierung - hin zu Selbstbestimmung und zur Kompetenzstärkung

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, Ihnen heute als Lobbyist von Menschen mit Behinderungen darüber berichten zu können, wie das Empowerment-Konzept der Behindertenbewegung neuen Drive, eben frische Power, verliehen hat.

Neben die für mich handlungsleitenden Begriffe Integration, Normalisierung und Selbstbestimmung ist in den vergangenen Jahren die Philosophie des Empowerment getreten. Empowerment bringt uns einen weiteren Schritt in der Diskussion darüber voran, wie es gelingen kann, Menschen mit Behinderungen, oder im Fall behinderter Kinder auch deren Eltern, in der Lebensbewältigung und auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen, ihnen Power zu geben. Meine Bemühungen zur Vernetzung von Menschen, die in Einrichtungen leben (müssen) und die Stärkung ihrer Rechte im Rahmen des neuen Heimgesetzes, mein Eintreten für ein niedersächsisches Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderungen und die Initiativen zur Eingliederung von Menschen mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt folgen dem Empowerment-Gedanken. Ermutigen wir die Betroffenen, fördern wir ihre Kompetenzen und rücken wir statt ihrer Defizite ihre Qualitäten in den Mittelpunkt. Diese Aufgabe wir nicht in erster Linie von Helfer- und Stellvertreterorganisationen wahrgenommen werden. Wir müssen sie selbst in die Hand nehmen.

Die Interessenwahrnehmung für und von Menschen mit Behinderungen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland positiv gewandelt. Ein erster Paradigmenwechsel drückte sich in der Gründung der Bundesvereinigung Lebenshilfe und der Elterninitiative Gemeinsam leben - gemeinsam lernen aus. Sie taten den Schritt aus der fürsorglichen Bevormundung durch Staat und wohlfahrtsstaatliche Institutionen heraus und stritten für Integration und Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft. Menschen mit geistiger Behinderung und behinderte Kinder wurden zu gesellschaftlichen Subjekten, zu Individuen mit Interessen und Rechten. Handelte es sich jedoch bei der Lebenshilfe und Gemeinsam Leben - Gemeinsam lernen noch um Verbände, die für Behinderte sprechen und deren Integration erkämpfen wollen, ging die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung, deren Wurzeln in der politisch bewußten Krüppelbewegung und der "independent-living" Bewegung der USA liegen, einen Schritt weiter. Sie hat sich weitgehend von der Fürsprache durch nichtbehinderte Funktionäre und Fremdhilfeorganisationen gelöst. Ein weiterer Perspektivenwechsel wurde eingeleitet: Von den Sorgenkindern, die der Fürsorge bedürfen, zu den Bürgern mit Rechten.

Neben vielen kleinen Selbsthilfegruppen wurde im Jahr 1990 die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland e.V. (ISL) gegründet, die auch in Niedersachsen aktiv ist. Insbesondere das von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben verfolgte Konzept des "peer counseling" (Beratung von Betroffenen durch Betroffene) und die Realisierung des Arbeitgebermodells, bei dem Behinderte in einer eigenen Wohnung leben und ihre Assistenten selbst anstellen, anlernen und, wenn nötig, entlassen, hat erheblich zur Selbstbestimmung Behinderter beigetragen.

Behindertenfragen werden von uns seit dem Aufkommen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung nicht mehr primär als Fragen der Sozialpolitik, sondern als Bürgerrechtsfragen begriffen: Wir haben ein Recht auf Mitwirkung, ein Recht auf die Entfaltung unserer Persönlichkeit und ein Recht darauf, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Um diese Rechte auch tatsächlich wahrnehmen zu können, bedarf es zum Beispiel für blinde Menschen, wie mich, aber auch staatlich finanzierter Nachteilsausgleiche und anderer Unterstützungsmaßnahmen. Diese müssen in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte weiterhin gewährt werden, aber eben nicht mit dem Gestus der Bevormundung, sondern damit wir unsere Kompetenzen und Qualifikationen in der uns jeweils angemessenen Weise entfalten können.

Im Vergleich zu professionellen Orientierungen aus der Helfersicht wie "Intervention" oder "case work" hat der Begriff Empowerment ein gewisses Etwas, ein Flair, er klingt dynamisch. Das vermittelt vor allem die Power-Komponente. Wir kennen sie ja bereits in Verbindung mit Black Power oder Womens Power. Gleichzeitig beinhaltet Empowerment aber auch die Weitergabe von Kraft, die Ermächtigung des Individuums sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das ist der zentrale Aspekt: Nicht für sich Macht fordern oder erobern, sondern sie weitergeben, sie bei anderen wecken, ihnen dabei helfen, sie zu entdecken. Empowerment meint also nicht einfach die Veränderung von gesellschaftlichen und Machtverhältnissen im Interesse von benachteiligten Bevölkerungsgruppen sondern die Gewinnung oder Wiedergewinnung von Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen.

Die Empowerment-Perspektive bündelt für Menschen mit Behinderungen wichtige Lernprozesse des vergangenen Jahrzehnts. Sie knüpft ein Netz von Ideen zu einer neuen Orientierung der Behinderten-Bewegung. Wesentliche Bestandteile der Idee sind:

  1. Von der Defizit- oder Krankheitsperspektive zur Ressourcen- oder Kompetenzperspektive. Es geht um das Wissen um die Stärken der Menschen und den Glauben an ihre Fähigkeit, in eigener Regie lebenswerte Lebensverhältnisse und einen gelingenden Alltag herzustellen.
  2. Nur die Art von professionellem Angebot kann letztlich wirksam werden, die in das Selbst- und Weltverständnis der Betroffenen integrierbar ist, und persönlich glaubwürdig vermittelt werden kann. Diese Einsicht führt notwendig zur Überwindung einer einseitigen Betonung professioneller Lösungskompetenzen und von der Orientierung an der Allmacht der Experten zu einer partnerschaftlichen Kooperation von Betroffenen und Fachleuten.
  3. Soziale und materielle Unterstützung im eigenen sozialen Beziehungsgefüge ist von großer Bedeutung bei der Bewältigung von Krisen, Krankheiten und Behinderungen sowie bei der Formulierung und Verwirklichung selbstbestimmter Lebensentwürfe. Gerade die Kräfte, die durch die Vernetzung von gleich Betroffenen im Rahmen von Selbsthilfe entstehen können, sind von besonderer Qualität. Auch aus diesem Grund unterstütze ich in Niedersachsen sowohl die Bildung von kommunalen Behindertenbeiräten, wie die Wahl von Behindertenbeauftragten, oder den Zusammenschluß und die Stärkung der Rechte von Heimbeiräten. In dem sogenannten sozialhilferechtlichen Dreiecksverhältnis zwischen Leistungserbringern (Kommunen, Land), den Leistungsanbietern (Einrichtungsträgern) und den Leistungsempfängern (Bewohnern) müssen dringend die Rechte der Betroffenen gestärkt werden.

Es darf aber auf keinen Fall übersehen werden, daß Empowerment in der Risikogesellschaft auch materieller Absicherung bedarf. Das gilt nicht nur in bezug auf Menschen mit Behinderungen, sondern auch für alle anderen sozial benachteiligten Gruppen. Das Leben in die eigene Hand nehmen zu können, heißt eben immer auch, über notwendige Ressourcen und Fähigkeiten der Selbstgestaltung zu verfügen. "Rechte ohne Ressourcen zu besitzen, ist ein grausamer Scherz." (Rappaport)

Das Konzept des Empowerment unterstellt, daß das, was als Defizit wahrgenommen wird, das Ergebnis sozialer Strukturen und mangelnder Ressourcen ist, in denen sich vorhandene Fähigkeiten nicht entfalten können. Das Modell des Empowerment redet also keinesfalls einem Abbau sozialstaatlicher Standards das Wort, sondern fordert eine neue Austarierung der vorhandenen Ressourcen. Die Kritik an der fürsorglichen Umarmung, an der Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen in Sondereinrichtungen, darf im Rahmen der Krise der Staatsfinanzen nicht zur wohlwollenden Vernachlässigung nach dem Motto "Organisiert und bestärkt euch selbst, und stellt keine übermäßigen Ansprüche an andere" führen. Der neuerdings häufig vorgetragene Appell an Bürgerarbeit und Ehrenamt darf nicht für Einschnitte ins soziale Netz mißbraucht werden. Selbsthilfe sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen, wie sie zum Beispiel durch das Selbsthilfebüro Niedersachsen verkörpert wird, darf nicht zur Aufkündigung der gesellschaftlichen Solidarität, mit denen die Unterstützung benötigen, führen.

Empowerment ist damit kein ganz neues, endlich ideales Konzept für die Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft, sondern eine Denkweise, die das Problem in seiner Vielschichtigkeit wahrnimmt. Denken in Widersprüchlichkeiten ist die Leitidee der Empowerment-Philosophie, einfach deshalb weil das Leben von Menschen mit und auch ohne Behinderungen mehr denn je widersprüchlich ist.

Dass der Gedanke des Empowerment nicht nur für uns Menschen mit Behinderungen eine neue Dynamik entfalten kann, sondern auch für andere benachteiligte Bevölkerungsgruppen wird uns hier heute eindrücklich demonstriert.