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Behindertenpolitik - Stammzellenforschung und Präimplantationsdiagnostik

Redebeitrag von Karl Finke, Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen, zu den Erwartungen an die Forschung mit embryonalen Stammzellen am 28.08.2001

Grundsatzpapier zu Stammzellforschung und Präimplantationsdiagnostik

I.Erwartungen an die Forschung mit embryonalen Stammzellen

WissenschaftlerInnen versprechen sich als Ergebnis der Forschung an embryonalen Stammzellen, sie so "programmieren" zu können, daß sich diese extrem differenzierungsfähigen Zellen zu bestimmten Zelltypen entwickeln. Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer sollen so geheilt werden, aber auch durch Herzinfarkte zerstörte Zellen und Gewebe durch embryonale Stammzellen ersetzt werden. In noch fernerer Zukunft könnten embryonale Stammzellen zu ganzen Ersatzorganen entwickelt werden. Es handelt sich bei dem gesamten Bereich der Stammzellforschung selbst im Tierversuch noch um eine hochexperimentelle Methode. Die Wissenschaftler bestätigen, daß sie noch weit davon entfernt sind, wirklich zu verstehen, wie die "Programmierung" der Stammzellen funktioniert und wie es zu vereinzelt gemeldeten Heilungserfolgen bei Mäusen, aber auch durch adulte Stammzellen bei Menschen tatsächlich kommt.

Es wird nicht nur an embryonalen Stammzellen, sondern auch an "adulten" Stammzellen geforscht. Adulte Stammzellen wurden beim Menschen bisher aus Nabelschnurblut und aus dem Rückenmark und bei Mäusen aus dem Gehirn gewonnen. Adulte Stammzellen haben in der Therapie den Vorteil, daß keine Abstoßungsreaktionen auftreten, weil sie jeweils körpereigene Zellen sind. Diejenigen, die ForscherInnen, die Forschung an embryonalen Stammzellen vorziehen, vertreten die These, daß adulte Stammzellen weniger differenzierungsfähig seien, als embryonale. Bisher kann wissenschaftlich seriös von keiner Seite behauptet werden, die Forschung an adulten Stammzellen sei weniger aussichtsreich als die an embryonalen Stammzellen. Auf alle Fälle ist sie ethisch weniger problematisch. Neue Forschungsergebnisse legen nahe, daß beim Einsatz embryonaler Stammzellen ernstzunehmende Risiken vorhanden sind: So hat sich in Tierversuchen gezeigt, daß die pluripotenten embryonalen Stammzellen, eben weil sie differenzierungsfähiger sind als adulte Stammzellen, beginnen krebsartig zu wuchern.

II.Stammzellforschung aus juristischer Sicht

Das Embryonenschutzgesetz verbietet ausdrücklich die Forschung an Embryonen und damit auch die Forschung an embryonalen Stammzellen. Es hält klar fest, daß der künstlich befruchtete Embryo vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle unter dem Schutz dieses Gesetzes steht. Von interessierten WissenschaftlerInnen wird deshalb eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes gefordert.

Die europäische Bioethik-Konvention legalisiert Forschung an Embryonen in vitro in den ersten 14 Tagen ihres Bestehens. Großbritannien und andere Staaten haben dies ebenso geregelt. Meines Wissens wird bisher in den USA, in Israel und Großbritannien in größerem Umfang an menschlichen embryonalen Stammzellen geforscht. In der Bundesrepublik findet derzeit ausschließlich Forschung an tierischen embryonalen Stammzellen statt.

In den USA ist die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, allerdings gab es bis Anfang August diesen Jahres keine öffentliche Forschungsförderung in diesem Bereich. Dies hat Präsident Bush modifiziert. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat kürzlich beschlossen, eine finanzielle Förderung von Stammzellforschung zuzulassen, sofern diese an den bereits vorhandenen Stammzelllinien erfolgt. Eine solche Position ist nicht nur fragwürdig, weil sie die prinzipielle Öffnung zur Stammzellforschung auf Staatskosten ermöglicht, sondern hat zwei wesentliche "Haken". Erstens sind Stammzelllinien zwar gut vermehrbar, wie US-Forscher aber nach dem Beschluß von Bush bemerkt haben, nicht beliebig vermehrbar. Zweitens sind die meisten Stammzelllinien bereits patentiert. Somit besteht für die Forschung ein reales Hemmnis bezüglich, weil an die Inhaber des jeweiligen Patentes große Summen bezahlt werden müßten, und diese dann auch noch das Recht hätten, etwaige Forschungsergebnisse für ihre eigenen Vermarktungsinteressen zu nutzen.

Das Embryonenschutzgesetz trifft keine Aussage zu importierten Embryonen/Stammzellen. Hier gibt es eine Regelungslücke. Die Bundesregierung und die sie tragendenden Bundestagsfraktionen wollen diese Regelungslücke definitiv in dieser Legislaturperiode nicht schließen. Regierungsmitglieder wie Edelgard Bulmahn und der Kanzler und die Deutsche Forschungsgemeinschaft haben sich in den vergangenen Wochen für die Möglichkeit der Forschung an importierten Stammzellen ausgesprochen. Bulmahn befürwortet auch die Herstellung eigener Stammzellen in Deutschland.

III.Politische Sichtweisen

Bulmahn, andere Politiker und Wissenschaftler haben folgende Argumentationslinie entwickelt: Die Herstellung von Embryonen zur Forschung wird abgelehnt, aber man könnte darüber nachdenken, ob an "überzähligen" Embryonen geforscht werden darf. Damit würde eine Öffnung in Richtung Embryonenforschung erreicht, und gleichzeitig der Eindruck erweckt, sie geschehe in sehr begrenztem Rahmen. Wenn man sich, wie ich, auf den Standpunkt stellt, daß Embryonenforschung ethisch nicht zu rechtfertigen ist, dann macht es keinen qualitativen Unterschied, ob an eigens dafür produzierten oder schon vorhandenen Embryonen geforscht wird.

Der Hinweis auf die auch in der Bundesrepublik vorhandenen, überzähligen eingefrorenen Embryonen, wirft Fragen auf. Das Embryonenschutzgesetz soll die Entstehung solcher Embryonen ausdrücklich verhindern. Es dürfen immer nur bis zu drei Eizellen befruchtet werden, mit dem Ziel, sie der Frau einzusetzen. Plötzlich und unerwartet soll es nun in Deutschland "verwaiste" Embryonen in größerer Zahl geben. Tatsächlich ist es überhaupt nur denkbar, daß es sich um eine sehr kleine Anzahl von Embryonen handelt, wo die Frau plötzlich verstorben ist, oder sonst unüberwindliche Hindernisse bei der Einpflanzung aufgetaucht sind. Über die Zahl dieser Embryonen geistern sehr unterschiedliche Aussagen durch den öffentlichen Raum.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird im November diesen Jahres über die Zulassung von Forschungsprojekten an importierten Stammzellen entscheiden. Sie hat einen "Stufenplan" für diesen Forschungsbereich vorgeschlagen:
Zunächst solle in der Bundesrepublik an importierten Stammzellen geforscht werden. Wenn sich dann die Chancen dieser Forschung besser einschätzen ließen, könnte über eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes nachgedacht werden. Die Forschung an embryonalen und adulten Stammzellen müsse in jedem Fall parallel, aber anscheinend mit einem Schwerpunkt bei der Embryoforschung betrieben werden.

CDU/CSU sind tief zerstritten. Der radikale Lebensschützerflügel und im christlichen Menschenbild verwurzelte CDU/CSU-Mitglieder lehnen die Forschung an Embryonen kategorisch ab. Andere Teile werben mit dem Argument, eine Ethik des Heilens gebiete eine Güterabwägung im Interesse kranker Menschen, für die Forschung an embryonalen Stammzellen.

Sowohl der Deutsche Bundestag als auch der Nationale Ethikrat werden noch in diesem Jahr über Stammzellforschung diskutieren. Möglicherweise wird die Bundesregierung danach eine Grundsatzentscheidung über die Forschung an importierten embryonalen Stammzelllinien treffen. Eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes ist für diese Legislaturperiode nicht geplant.

IV.Ethisch-soziale Grundpositionen

Aus meiner Sicht sprechen folgende Gründe dafür, am Verbot der Embryonenforschung festzuhalten:

Die Heilsversprechen bezüglich der Stammzellforschung sind mit hoher Wahrscheinlichkeit weit überzogen. Mit den überbordenden Heilsversprechen wird der Druck auf Legalisierung dieser Forschungsrichtung und auf das Bereitstellen entsprechender Forschungsgelder zur Zeit stark erhöht. Selbst Oliver Brüstle, einer der entschiedensten Befürworter der Forschung an embryonalen Stammzellen, hat kürzlich geäußert, daß er es für illusorisch hält, aus embryonalen Stammzellen Ersatzorgane herstellen zu können.

Auch ohne eine christliche Sicht des Embryo als gottebenbildliches Geschöpf kann man festhalten: Aus einem Embryo kann sich ein Mensch entwickeln, er hat die Potenz dazu. Jeder zeitliche Einschnitt, der frühe Embryonen zur Forschung freigibt, ist willkürlich. Nicht die Kirche, sondern der Vater der Humanembryologie, Ernst Blechschmidt, sagte: Der Mensch entwickelt sich als Mensch und nicht etwa zum Menschen. Die Tatsache, daß ein Embryo ein potentieller Mensch ist, mag ihn vielleicht nicht im gleichen Sinne mit Menschenwürde ausstatten, wie einen realen, geborenen Menschen. Auf alle Fälle verbietet sich eine Verzweckung des Embryo für mich schon aus diesem Grund. Ein Embryo ist auch ohne religiösen Blick eben nicht einfach ein Zellhaufen, oder irgendeine beliebige Körpersubstanz.

Die ASJ verweist in ihrer Stellungnahme auf die drei wesentlichen Argumente, aus denen heraus sich für sie der "volle Würdeschutz des Embryos von Anfang an" ergibt: das Kontinuitätsargument (siehe Blechschmidt, ununterbrochene Kontinuität zwischen befruchteter Eizelle und dem geborenen Menschen), das Potentialitätsargument (mit der abgeschlossenen Befruchtung besteht das reale Vermögen, sich zu einem geborenen Menschen zu entwickeln), das Identitätsargument (menschliches Leben ist von Beginn an individuell, einzigartig und verfügt über eine unverwechselbare Identität. Dies trifft vielleicht auf einen Klon nicht zu, aber hierüber muß an dieser Stelle nicht diskutiert werden.)

In gedanklich verlängerter Form gilt für die Embryonenforschung das Instrumentalisierungsverbot des Grundgesetzes bzw. der Kant?sche Imperativ. Der instrumentelle Zugriff auf den Embryo, unterwirft diesen den Zwecken Dritter ( Forscher, Gruppen von Patienten, womöglich wirtschaftlicher Interessenten). Er wird erzeugt, bzw. benutzt um - falls das denn je klappen sollte - am Ende als Ersatzorgan, Ersatzgewebe oder Medikament zur Verfügung zu stehen. Sein Besonderes, die Fähigkeit Menschen zu werden, wird damit negiert und abgeschnitten.

Mir scheint, daß der Stammzellforschung Türöffnerfunktion bei der Embryonenforschung insgesamt zukommen soll. Wenn der Damm in Richtung auf Forschung an Embryonen erst einmal gebrochen ist, und die ethischen Vorbehalte aufgeweicht sind, dann ist noch viel denkbar, das mit Embryonen getan werden kann: Somatische und Keimbahntherapie, Klonen etc.

Selbstverständlich ist es nicht unethisch oder unmoralisch oder verwerflich, Alzheimer, Parkinson oder sonstige Krankheiten bekämpfen zu wollen. Eine Gesellschaft ohne Krankheit, Behinderungen und Leid jedoch ist sicherlich weder vorstellbar, noch durch irgendeinen genetischen, medizinischen oder biologischen "Fortschritt" herstellbar. Ich halte sie nicht einmal für wünschenswert, weil an ihrem Ende nur der Mensch nach Maß stehen könnte und zentrale Qualitäten des Menschseins ausgeblendet wären.

Dennoch können Betroffene zu Recht fragen: Warum muß es denn aber gerade diese Krankheit sein, die zum Menschsein dazugehört? Als Antwort darauf stelle ich eine Gegenfrage: Heiligt der Zweck alle Mittel? Welchen Preis sind wir als Gesellschaft bereit für eventuelle medizinische Fortschritte zu bezahlen? Ich denke, der Preis der Embryonenforschung sollte nicht gezahlt werden. Statt dessen muß der Blick auf Forschungsalternativen und auf die Frage, wie ermöglichen wir potentiellen Betroffenen ein menschenwürdiges Leben ohne dieserart Forschung, gelenkt werden.

Auch aus Frauensicht ist die Forschung an Embryonalen Stammzellen höchst problematisch. Frauen geraten als "Lieferantinnen" von Eizellen und Embryonen immer stärker in den Blickpunkt wissenschaftlichen Interesses. Ihre eigene Situation wird dabei komplett ausgeblendet. Um Stammzellen herzustellen benötigt die Forschung eine erhebliche Zahl von Embryonen zur "Verwertung". Woher sollen denn diese Embryonen kommen? Eine Kommerzialisierung und Vermarktung von Embryonen entspricht nicht der Würde von Frauen und unterwirft sie möglicherweise familiären und gesellschaftlichen Zwängen, die wir vermeiden müssen.

Zur Präimplantationsdiagnostik (PID)

Es wird gesellschaftlich mittlerweile als ?Zumutung der Natur? empfunden, ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen. Gentechnik und vorgeburtliche Medizin sind in den vergangenen Jahren eine Allianz eingegangen, mit dem Ziel, diese Zumutung aus dem Weg zu räumen. Die in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verbotene Präimplantationsdiagnostik stellt die derzeitige Spitze des Eisberges auf dem Feld der Selektion behinderten Lebens dar.

Werdende Mütter und die sich in ihrem Leib entwickelnden Kinder sind zunehmend zum Objekt medizintechnologischer Begierde geworden. Die Zeiten, in denen die schwangere Frau sich im Zustand "guter Hoffnung" befand, sind abgelöst worden von einer Sichtweise der Schwangerschaft als Risiko. Der lebendige Prozeß der Schwangerschaft mit seinen körperlichen, seelischen und sozialen Anteilen droht sich in einen überwachungspflichtigen Produktionsprozeß zu verwandeln. Dieser Vorgang ging mit den bildgebenden Verfahren während der Schwangerschaft (Ultraschall) einher. Der Frauenleib, in dem bis dahin unsichtbar, aber für die Frau spürbar das Kind heranwuchs, wurde zum "öffentlichen Ort". Der primär medizinische Umgang mit dem entstehenden Kind entwickelt sich zur Qualitätskontrolle, mit deren Hilfe Frauen die medizintechnische Machbarkeit von gesunden Kindern vorgegaukelt wird.

Der zur Zeit ethisch umstrittenste Bereich der "vor-vorgeburtlichen" Diagnostik ist die Präimplantationsdiagnostik (PID), bei der Methoden der künstlichen Befruchtung mit denen der Gentechnik zusammentreffen. Bei der PID werden etwa drei Tage alten im Reagenzglas erzeugten Embryonen, die aus durchschnittlich acht Zellen bestehen, eine oder zwei Zellen entnommen und einem genetischen Check-up unterzogen. Embryonen mit Normabweichungen werden "verworfen" oder als Forschungsmaterial verwendet. Bis Ende 1999 wurden weltweit über 160 Kinder geboren, nachdem die in-vitro befruchtete Eizelle die PID-Kontrolle bestanden hatte.

I.Erwartungen an die PID

Der Druck in Richtung auf eine Legalisierung der PID wird in der Bundesrepublik nicht in erster Linie von betroffenen Paaren entfaltet, sondern von ReproduktionsmedizinerInnen (allen voran Prof. Diedrich von der Universitätsfrauenklinik Lübeck). WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen argumentieren, daß mit der vorgeburtlichen Auslese behinderter Embryonen durch PID

1.die Geburt eines Kindes mit einer bestimmten genetischen Behinderung ausgeschlossen werden kann
2.der betroffenen Frau eine "Schwangerschaft auf Probe" erspart bleibe
3.späte Schwangerschaftsabbrüche vermieden werden könnten
4.die "unzumutbaren" Belastungen, die das Leben mit einem behinderten Kind für eine Familie bedeuten könne, durch PID sozusagen im Keim verhindert werden könnten

ReproduktionsmedizinerInnen untermauern ihr Eintreten für die PID mit Beispielen von Paaren, in denen es eine familiäre "Vorbelastung" zu genetisch bedingten Erkrankungen gibt, und die möglicherweise schon ein behindertes Kind zur Welt gebracht oder abgetrieben haben. Das Ziel der Leidvermeidung gebiete es, diesen wenigen Paaren die Möglichkeit der PID zu eröffnen.

Ich leugne nicht, daß für bestimmte Elternpaare die PID eine aus ihrer Sicht rationale und anstrebenswerte Option darstellen kann. Der Wunsch nach einem nichtbehinderten Kind ist nicht etwa unmoralisch, sondern durchaus verständlich. Die Forderung, Staat, Krankenkassen, Medizin und Gesellschaft müßten alles ermöglichen und finanzieren, was diesem Ziel dient, reißt aber alles ethischen und juristischen Bedenken ein. Es bleibt auch auch für diese "Risikopaare" festzuhalten: Ein Recht auf ein nichtbehindertes Kind existiert nicht und kann auch nicht realisiert werden, selbst wenn die PID und die verschiedensten Methoden pränataler Diagnostik in Anspruch genommen werden.

Eine "Schwangerschaft auf Probe" wird auch durch die PID nicht ausgeschlossen. In dem Entwurf der Bundesärztekammer zu einer Richtlinie zur PID wird der Schwangeren empfohlen, an die PID auf alle Fälle die PND anzuschließen, um das trotzdem vorhandene Risiko einer Behinderung des Kindes so weit wie möglich auszuschließen. So gesehen, sind auch mit PID späte Schwangerschaftsabbrüche nicht auszuschließen.

In den Vereinigten Staaten, in denen die PID legal ist, zeichnet sich folgende Tendenz ab: Immer mehr Paare, die auf natürliche Weise keine Kinder bekommen können und den Weg der künstlichen Befruchtung gehen, fordern als zusätzliches Angebot die PID, egal, ob bei ihnen irgendein Risiko erkennbar ist.

Es handelt sich in jedem Fall um komplexe Konfliktlagen, in deren Bewertung nicht nur die Interessen der Paare, sondern auch die von Forschung und Wissenschaft, sowie gesellschaftliche Interessen einzugehen haben.

Ein weiteres Argument für die Legalisierung der PID ist die Warnung vor dem PID-Tourismus. In Belgien und Großbritannien würde die PID problemlos angeboten. Paare, die über genügend Geld verfügten, könnten dort ein derartiges Verfahren vornehmen lassen. Wer weniger Geld habe, sei dadurch benachteiligt.

II.PID aus juristischer Sicht

Das Embryonenschutzgesetz verbietet die PID ohne wenn und aber. Wie schon bezüglich der Stammzellforschung ausgeführt, geht der dem Grundgesetz zugrunde liegende Menschenwürdebegriff davon aus, daß ein Embryo unabhängig davon, ob er sich in der Gebärmutter einer Frau oder nach künstlicher Befruchtung in der Petrischale befindet, mit dem Moment seines Entstehens schützenswert ist und nicht instrumentalisiert werden darf. Ein abgestufter Schutzstatus des Embryo je nach Entwicklungsstadium ist im Gegensatz zu anderen Staaten in der Bundesrepublik nicht vorgesehen.

Der Status des Embryo ist seiner Qualität nach in vitro nicht unterschieden von dem in vivo. Eine Verfügbarmachung und Selektion von Embryonen im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik widerspricht nicht nur Art. 1 Grundgesetz und dem Embryonenschutzgesetz, sondern wirft ethische und gesellschaftliche Probleme von größter Reichweite auf. Hierbei steht für mich nicht in erster Linie der moralische Status des Embryo im Mittelpunkt, sondern vielmehr die gesellschaftlichen Folgen, die eine eugenisch bedingte Selektion von Embryonen durch PID unweigerlich nach sich zieht. Die PID als Selektionsmechanismus instrumentalisiert nicht nur den Embryo und nimmt seine Vernichtung in Kauf.

Der Embryo, der durch PID einem Qualitäts-Check unterzogen werden soll, existiert nicht im luftleeren Raum. Die Ausnahmeregelung im § 218 erlaubt einer Frau unter bestimmten Bedingungen die straffreie Abtreibung, weil juristisch und gesellschaftlich anerkannt wird, daß es für Frauen zu einer Konfliktsituation kommen kann, in denen sie die Möglichkeit haben müssen, sich gegen die Austragung eines Kindes zu entscheiden. Es ist für mich undenkbar, ein Kind gegen den Willen der Mutter in ihrem Leib zu schützen. Die Frau und der Embryo stehen in einem einzigartigen Beziehungs- und Abhängigkeitsverhältnis, das sich von dem des Embryo in-vitro qualitativ unterscheidet. Die Konfliktlage, in der sich eine schwangere Frau befinden kann, und die dann möglicherweise eine Abtreibung zur Folge hat, ist entgegen den Beteuerungen der Befürworter der PIN nicht mit der Situation bei der PID zu vergleichen. Das Konstrukt eines "vorgezogenen Schwangerschaftskonflikts" ist unsinnig.

Der künstlich erzeugte Embryo ist, noch bevor überhaupt eine Schwangerschaft eintritt, dem medizintechnologischen Zugriff im Rahmen der PID ausgeliefert.
-Die Betroffenen entscheiden sich vor der Etablierung einer Schwangerschaft für eine Untersuchung der Embryonen und die Embryonenselektion.
-Zu diesem Zeitpunkt bestehen die Embryonen aus wenigen Zellen, und sie sind außerhalb des Körpers verfügbar.
-Es existiert noch keine körperliche Beziehung zwischen Frau und Embryo, also keine Schwangerschaft.
-Der Entscheidung über die zu implantierenden bzw. zu verwerfenden Embryonen geht ein Auswahlverfahren voraus, bei dem die Auseinandersetzung mit einem konkreten, sich entwickelnden Fötus und einer existierenden Bindung keine Rolle spielt.

Diese die PID als medizintechnologische Methode begleitenden Umstände erfordern einen besonderen juristischen Schutz des Embryo in vitro, wie er im Embryonenschutzgesetz festgelegt ist. Der Embryo in vitro ist nicht durch eine ihn austragende Frau geschützt. Sein Status muß also unabhängig von einer bestehenden Schwangerschaft definiert werden. Als Leitlinie hierfür können nur die in Artikel 1 Grundgesetz definierte Menschenwürde und das Instrumentalisierungsverbot gelten.

Aus meiner Sicht als Interessenvertreter von Menschen mit Behinderungen ist das Hauptkriterium für eine Entscheidung pro oder contra PID jedoch nicht die Frage möglicher Konflikte zwischen künftigen Eltern und dem im Rahmen künstlicher Befruchtung erzeugten Embryo, sondern ein im Einzelfall widersprüchliches Interesse Betroffener an einem Kind, das bestimmte Krankheiten nicht hat, und der Gesellschaft, sich vor einer "Eugenik von unten" mit all ihren negativen Auswirkungen für bereits lebende Menschen mit Behinderungen zu schützen.

III.Politische Sichtweisen

Sowohl Forschungsministerin Bulmahn, als auch Bundeskanzler Schröder sprechen sich für eine Zulassung der PID auf der Basis einer engen Indikationsstellung aus. CDU/CSU sind, wie in der Frage der embryonalen Stammzellforschung tief zerstritten.

Für die PID wird von seiten ihrer politischen und wissenschaftlichen Befürworter unter dem Stichwort "Ethik des Heilens" geworben. Damit wird der reale Vorgang der Embryonenselektion beschönigt. Es handelt sich bei der PID in keinem Fall um einen Heileingriff zugunsten eines mit einem genetischen Defekt behafteten Embryo, sondern um seine "Verwerfung". Die immer wieder gern vorgetragene Behauptung, die PID sei ein reines Diagnoseverfahren ist ebenso irreführend und verschweigt die Tatsache, daß bestimmte Embryonen vernichtet werden.
Selbstverständlich ist es eine ärztliche Aufgabe Leid zu vermindern und zu heilen. Dennoch muß daran festgehalten werden, daß es keine spezifische "Ethik des Heilens" gibt, sondern nur ethische Grundsätze des medizinischen Verhaltens und der Forschung, denen sich auch der Heilungswille uneingeschränkt zu unterstellen hat. Kein noch so guter Zweck heiligt das Verwerfen von Embryonen.

Bestimmte konservative KritikerInnen der PID versuchen mit der unzulässigen Gleichsetzung eines im Mutterleib oder in der Petrischale befindlichen Embryo derzeit das Thema zu "kidnappen" um letztlich die gesamte Diskussion um dem § 218 wieder aufzurollen. Dagegen müssen wir uns wehren. Die in der Bundesrepublik gefundene Regelung zum § 218 sollte von uns nicht in Frage gestellt werden.

Im politischen und gesellschaftlichen Raum melden sich auch Feministinnen zu Wort, die unter dem Stichwort des Selbstbestimmungsrechtes der Frau für eine Legalisierung der PID streiten. Zum einen ist der ihrer Argumentation zugrundeliegende Begriff der Autonomie in Frage zu stellen, zum anderen gilt hier der gleiche Einwand, wie bei der autonomen Entscheidung der Paare: Die gesellschaftlichen Konsequenzen einer individuellen Entscheidung werden ausgeblendet.

V.Ethisch-soziale Grundpositionen

In den vergangenen Monaten hat es eine Reihe kritischer Stellungnahmen von Behindertenorganisationen und –initiativen gegen die Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik in der Bundesrepublik gegeben. Menschen mit Behinderungen und ihre Vertretungen setzen sich seit Jahren mit Entwicklungen im Bereich der Biomedizin und Genetik auseinander, die zur Folge haben, das Leben behinderter Menschen abzuwerten oder das Lebensrecht Ungeborener an bestimmte Fähigkeiten, Eigenschaften, oder den bioethisch definierten Personenstatus zu knüpfen.

Aus meiner Sicht als Interessenvertreter von Menschen mit Behinderungen ist das Hauptkriterium für die Entscheidung pro oder contra PID nicht hauptsächlich die Frage möglicher Konflikte zwischen künftigen Eltern und dem im Rahmen der künstlichen Befruchtung erzeugten Embryo, sondern ein im Einzelfall widersprüchliches Interesse betroffener an der Geburt eines Kindes, das eine bestimmte Krankheit oder Behinderung

nicht hat, und der Gesellschaft, sich vor einer "Eugenik von unten" mit all ihren negativen Auswirkungen für bereits lebende Menschen mit Behinderungen zu schützen.

Aus den Erfahrungen mit der Pränataldiagnostik lernen

Bei der Einführung der verschiedenen Methoden der Pränataldiagnostik (PND) wurde argumentiert, man wolle diese nur bei einer sehr begrenzten Anzahl von Risikoschwangeren einsetzen. Die Praxis zeigt, daß PND längst als Massenscreening ohne jegliche konkrete Indikation eingesetzt wird. Häufig geht dem nicht einmal eine angemessene Beratung der Schwangeren voraus.

Die BefürworterInnen stellen die Legalisierung der PID als folgerichtigen, fast logischen weiteren Schritt im Rahmen der PND dar. Sicherlich ist das Ziel der vorgeburtlichen Selektion Behinderter in der PND genauso angelegt wie in der PID. Studien zeigen zum Beispiel, daß in über 90 % der Fälle, in denen die Diagnose Down Syndrom lautet, eine Abtreibung vorgenommen wird.

Die PID findet aber nicht nur unter anderen Voraussetzungen als die PND statt, sie wirft darüber hinaus außerdem mindestens drei zusätzliche ethische Probleme auf:
1.Die PID als medizintechnologische Methode befindet sich noch immer im Versuchsstadium. Um sie technisch zu perfektionieren ist Embryonenforschung nötig. Diese jedoch verbietet das Embryonenschutzgesetz aus gutem Grund.
2.Die PID könnte ebenso wie die Forschung an embryonalen Stammzellen als Türöffner für andere Forschungs- und Eingriffsmöglichkeiten an Embryonen wirken.
3.Mit der PID wird die Tür zur positiven Eugenik geöffnet. Durch PND findet eine Selektion von Embryonen und Föten mit nichtgewollten Eigenschaften statt, eine Negativ-Auslese. Die PID ermöglicht - wie am Beispiel der Geschlechtswahl bereits praktiziert - eine Positivauswahl. Der schritt zur "positiven Eugenik" und damit zum instrumentellen, steuernden Eingriff in die genetische Ausstattung des Menschen ist getan. In den USA wird von GenetikerInnen und FortpflanzungsmedizinerInnen bereits das enhancement (Verbesserung) des Menschen durch Manipulation seines Erbgutes als erstrebenswertes Ziel diskutiert.

Ich gehe davon aus, daß die Legalisierung der PID in Deutschland sich nicht auf einen eng begrenzten Kreis betroffener Eltern beschränken lassen würde. Es besteht die Gefahr, daß wir uns auf einen slippery slope begeben, auf dem es kein Halten mehr gibt und letztlich der Manipulation des Embryos bis hin zur Menschenzüchtung Tür und Tor geöffnet wird.

Wollte man dem Richtlinienentwurf der Bundesärztekammer folgen und die PID im Rahmen strengster, enger Indikationen zulassen, entsteht ein ethisch unauflösbares Dilemma: Wer soll definieren, welche Behinderung oder Krankheit des Embryo seine Vernichtung rechtfertigt? Ein entsprechender Katalog wäre unvermeidlich ein Katalog "unwerten Lebens" und deshalb strikt abzulehnen. Die im politischen Raum favorisierte Alternative, ein in der autonomen Entscheidung der Eltern begründetes Wahlrecht, verlagert ein gesellschaftliches Problem auf die individuelle Ebene und würde eher zu einer Indikationsausweitung als zu einer Einengung führen.

Die Grundfrage, die sich aus meiner Sicht angesichts der sich überstürzenden Entwicklungen im Bereich der künstlichen Befruchtung, der PND und der Genetik ergeben, ist:

Wer definiert, was eine im Erbgut oder mittels PND festzustellende Normabweichung ist, deren Konsequenz die Selektion sein soll? Was ist ein "normaler" Mensch? Muß nicht befürchtet werden, daß der "Mensch nach Maß", getreulich der gesellschaftlichen Präferenz für den fitten, jungen, gesunden Zeitgenossen folgend, keinen Platz mehr für diejenigen kennt, deren Leistungsfähigkeit und Produktivität gemessen am "Normalstandard" eingeschränkt ist?

Einer der Slogans der Behindertenbewegung lautet:
Es ist normal verschieden zu sein


Wir haben viele Jahre gebraucht, um in der Gesellschaft Platz für ein solches Verständnis und damit Raum für ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. In dem Generalangriff auf die Verschiedenheit, Individualität und Buntheit des menschlichen Lebens sehe ich eines der Hauptprobleme, das sich durch Entwicklungen in der Pränataldiagnostik, der Genetik und der Fortpflanzungsmedizin ergibt.

"Unsere so völlig enttabuisierte Welt muß sich angesichts ihrer neuen Machtarten freiwillig neue Tabus aufrichten. Wir müssen wissen, daß wir uns weit vorgewagt haben, und wieder wissen lernen, daß es ein Zuweit gibt. Das Zuweit beginnt bei der Integrität des Menschenbildes, das für uns unantastbar sein sollte. Wir müssen wieder Furcht und Zittern lernen, selbst ohne Gott, die Scheu vor dem Heiligen. Diesseits der Grenze, die es setzt, bleiben Aufgaben genug." (Hans Jonas)