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Allgemeiner Arbeitsmarkt - Dokumentation der Referate

Was wird aus der Werkstatt für behinderte Menschen – Visionen über deren Zukunft

Dies war das Thema einer Veranstaltung, zu der der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen die niedersächsischen Werkstatträte eingeladen hatte.

Die UN-Behindertenrechtskonvention legt eindeutig fest, dass auch der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen dem Gedanken der Inklusion folgen muss. In diesem Fall heißt das, das Sondereinrichtungen wie Werkstätten für behinderte Menschen zu hinterfragen sind. Mit der Veranstaltung wollten wir Gelegenheit geben, diese Frage mit Praktikern aus den Werkstatträten zu diskutieren Mehr als 80 Personen haben die Gelegenheit genutzt.

Sie diskutierten über drei Referate, die das Thema jeweils aus unterschiedlicher Sicht beleuchteten.

1.
Frau Simone Bachmann, als stellvertretende Vorsitzende der LAG der niedersächsischen Werkstatträte stellte in 8 Thesen Wünsche der Beschäftigten an die Zukunft der Werkstatt vor. (zum Referat)

2.
Detlef Springmann, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Behinderte legte den Schwerpunkt seines Referates, das er mit einer Präsentation unterlegte, auf die Frage der notwendigen Reform des werkstattinternen Bildungs- und Ausbildungssystems. (zur Präsentation)

3.
Detlev Jähnert, Referent im Büro des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen, veränderte die Werkstatt für behinderte Menschen in eine Werkstatt für Alle. (zum Beitrag

Simone Bachmann
Stellvertretende Vorsitzende der LAG der niedersächsischen Werkstatträte

Wie ich mir die Zukunft der Werkstatt vorstelle

1)
Es wäre schön wenn Sonderzahlungen, Weihnachtsgeld etc., nicht auf die Grundsicherung angerechtet werden

2)
Die Werkstätten sollen bleiben, aber mehr Ausbildungsmöglichkeiten bieten

3)
Es sollen auch mehr Fortbildungen, Kurse und Schulungen für den Arbeitsbereich angeboten werden

4)
Bei Außenarbeitsplätzen soll mehr Lohn ausgezahlt werden

5)
Es müssen mehr Schulungs- und Ausbildungsmöglichkeiten am PC an geboten werden

6)
Es sollen mehr Integrationsbetriebe gegründet werden

7)
Die Sicherheitsvorschriften sollen überprüft und verbessert werden. Zum Beispiel müssen alle Betreuer/innen in der Werkstatt auf die Einhaltung achten ( Natur/Umwelt, Papier, Material, Öl, Schutzhosen, Schutzbrille, Gehörschutz, Handschuhe und Erklärungen der Schilder.)

8)
Beschäftigte aus dem Arbeitsbereich und dem Werkstattrat sollen mit im Sicherheitsausschuss vertreten sein.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit

Detlef Springmann

Präsentation als pdf-Datei (tagged)

Detlev Jähnert
Referent im Büro des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen

Wie ich mir die Zukunft der Werkstatt für behinderte Menschen vorstelle

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

seit vielen Jahren beschäftige ich mich, auch im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit im Büro des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen mit der Werkstatt für behinderte Menschen.

Das ist eine ganz spannende Arbeit, weil es immer darum ging, denen, die es wollten, Wege in den sogenannten allgemeinen Arbeitsmarkt zu eröffnen. Wenn Sie sich, wie wir es in unserem Büro tun, mit Fragen die Werkstatt für behinderte Menschen betreffen, beschäftigen, dann sind sie immer gleichzeitig gezwungen, einige Gesetze mitzudenken, zu beachten oder Änderungsvorschläge zu machen. Es sind u. a.

Um nur einige wenige zu nennen. Für heute durfte ich Visionen, Ideen entwickeln, d.h. ich habe mir Gedanken gemacht, wie die Werkstatt in Zukunft aussehen soll. Dabei werde ich heute keine Rücksicht auf bestehende Gesetze nehmen. Ich werde einfach mal darstellen, was ich mir wünsche bzw. vorstellen kann. Und wenn dass, was ich mir überlegt habe, umgesetzt werden soll, dann denke ich auch über die notwendigen Änderungen von Gesetzen nach.

Allerdings, ganz so frei, durfte ich meine Ideen dann doch nicht fließen lassen. Ich will ja auch Antworten auf die Anforderungen der UN Behinderteenrechtskonvention geben.

Ich denke, ich beginne mit einer ganz einfachen Feststellung. Natürlich wünsche ich mir, dass wir für alle Beschäftigten in einer Werkstatt für behinderte Menschen einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden, Sie alle sollen dort ihre eigenes Ein- und vor allem Auskommen haben. D.h. sie können dann unabhängig von Sozialhilfe, Hartz IV oder der Grundsicherung leben.

Aber ich weiß natürlich auch, dass dies einfach nicht möglich ist. In Niedersächsischen Werkstätten arbeiteten am 31.12.2010 genau 29.955 Menschen, also fast 30.000 Menschen mit Behinderungen, das ist eine unfassbare Zahl, die man sich, die auch ich mir schwer vorstellen kann.

Versuchen wir es einmal. Wenn alle diese Menschen auf die Idee kämen, ein Fußballsspiel zu sehen und wollten dies z.B. beim Kickers Emden tun, hätten sie ein Problem. In das Stadion passen nur ca. 7.000 Menschen. Also müsste der Kickers Emden das gleiche Spiel, der gleiche Gegner, die gleichen Spielzüge und die gleichen Tore viermal hintereinander spielen, was natürlich überhaupt nicht geht. Und selbst dann hätten noch immer nicht alle Beschäftigten einer Werkstatt für behinderte Menschen das Spiel gesehen.

Vielleicht sollten sich die Menschen entscheiden, ein Spiel des VfB Wolfsburg zu besuchen. Dort hätten alle 29.955 behinderten Menschen Platz und es wären sogar noch 45 Plätze für andere Menschen über. Also gehen wir mit allen Beschäftigten zu Hannover 96, was ja im Moment sowieso interessanter ist. In das Stadion passen 49.000 Menschen. Also neben den Beschäftigten aus niedersächsischen Werkstätten noch mal 19.000 weitere Zuschauer.

Versuchen wir die Zahl anders zu erfassen. Wie haben heute ungefähr 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wenn jede und jeder von ihnen ein Jahr lang jeden Tag eine Flasche Cola trinkt, dann sind das am Ende des Jahres ca. 30.000 Flaschen. Ein letzter Vergleich: Wenn Sie 30.000 Ein-Euro-Stücke aufeinanderstapeln, haben wir einen Turm von 60 Meter Höhe.

Bitte mal alle aufstehen, die an der Schnur sitzen: Das sind 60 Meter.

Ich hoffe, Sie haben ein Gefühl dafür bekommen, wie viel 30.000 Mensche sind. Und dann ist auch klar, die 30.000 Arbeitsplätze außerhalb der WfbM werden wir nicht finden, und auch nicht schaffen können. In den 70iger Jahren wäre es möglich gewesen, die Geschichte anders anzugehen, aber das ist Geschichte, die wollen wir heute nicht ansprechen.

Aber es bleibt dabei, die UN-Behindertenrechtskonvention fordert in Artikel 27 „das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen auf Arbeit; dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und Umfeld frei gewählt oder angenommen wird.“

Im Artikel 27 steht natürlich noch viel mehr, aber ich glaube für den Moment reicht das, was ich gerade vorgelesen habe, aus

Also schauen wir mal auf Ihre Rechte.

Sie haben das gleiche Recht auf Arbeit wie alle anderen Menschen.

Okay, da können wir feststellen, Arbeit haben sie in der Werkstatt für behinderte Menschen.

Sie haben das Recht, auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt (also die Kosten für Miete, Essen und Freizeit) durch Arbeit zu verdienen.

Das dürfte für die wenigsten Beschäftigten in der Werkstatt gelten, also muss sich hier etwas ändern.

Und Sie haben das Recht auf einen offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt, in dem Sie Ihre Arbeit frei wählen oder annehmen.

Das klappt auch nicht, sonst wären Sie ja nicht in der Werkstatt, sondern auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Also was machen wir nun? Wir bzw. Sie könnten natürlich fordern, dass Sie in der Werkstatt dann eben soviel verdienen müssen, dass Sie Ihren Lebensunterhalt damit bezahlen können. Das heißt, dass die Steuerzahler, also ich, Ihre Eltern und sogar Sie mehr Steuern zahlen müssten. Nehmen wir mal an, Sie bekämen im Monat einen Lohn von 900 Euro ausbezahlt. Das wären bei rund 30.000 Beschäftigten in der WfbM immerhin 27 Millionen Euro, und das wäre nur das Geld für einen Monat. Im Jahr wären das nur für Niedersachsen 324 Millionen Euro. Teilen wir den Betrag durch die Einwohnerzahl Niedersachsens, dass wären das für jeden Menschen der in Niedersachsen lebt, gerade mal 40 Euro. Allerdings zahlt nicht jeder Steuern, so dass auf jeden einzelnen doch etwas höhere Belastungen zu kämen.

Natürlich könnten wir auch eine Diskussion über die Verteilung der Steuergelder beginnen. Sie könnten fragen, ob die Steuern nicht falsch verteilt sind. Sie sind es, aber das hilf uns auch nicht wirklich weiter.

Warum überhaupt stellen wir solche Fragen? Da müssen wir mal wieder in die UN-Behindertenrechtskonvention schauen. Die UN-Behindertenrechtskonvention durchzieht der Gedanke der Inklusion. Das heißt, Menschen mit Behinderungen sollen vom ersten Tag ihres Leben bis, und das ist mir, als jemand, der nicht mehr zu den ganz jungen Menschen in diesem Land gehört, besonders wichtig, bis zum letzten Tag ein Teil dieser Gesellschaft sein. D. h. keine Sonderkrippen sondern Krippen für alle.

D. h. keine Sonderkindergärten mehr sondern Kindergärten, keine Sonderschulen, die jetzt Förderschulen heißen, sondern Schulen für alle Schülerinnen und Schüler und das heißt auch keine Werkstätten für behinderte Menschen mehr sondern Werkstätten.

Haben Sie es gemerkt, vorhin habe ich gesagt, es wird uns nicht gelingen, für die allein in Niedersachsen rund 30.000 Werkstattbeschäftigte Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden, und jetzt habe ich gesagt. „d.h. keine Werkstätten für Menschen mit Behinderungen mehr§.

Ja weiß ich nicht mehr, was ich will.

Keine Angst, meine Damen und Herren. Ich weiß, was ich will und ich hab es genau so gemeint wie ich es gesagt habe, Werkstätten für alle.

Ich komme gleich darauf zurück. Ich will aber vorher noch einem anderen Gedanken nachgehen, der mir wichtig ist. In der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen sprechen wir in letzter Zeit zunehmend davon, dass wir die Fähigkeiten der Menschen mit Behinderungen in den Vordergrund stellen müssen und nicht die Behinderung. D. h, dass wir erkannt haben, dass es diese Fertigkeiten und Fähigkeiten gibt und wir sie erkannt haben. Es ist aber relativ neu, dass wir so sprechen, dass heißt dann, dass selbst die Menschen, die tagtäglich mit Menschen mit Behinderungen zusammen arbeiten, viel zu lange gebraucht haben, die Fähigkeiten dieser Menschen zu erkennen. Aber wenn wir schon so lange gebraucht haben, wie soll dann Malermeister Klecks oder der Bäcker Müller wissen, dass es diese Fähigkeiten bei Ihnen gibt. Er hat sie ja nie kennen lernen können, da sie ja in Sondereinrichtungen waren.

Neben vielen anderen Gründen, davon bin ich überzeugt, gelingt es uns nur so schwer, Arbeitsplätze für Menschen aus der WfbM zu bekommen, weil die Arbeitgeber, also die Menschen die andere Menschen einstellen, keine Chance hatten, Sie, die Menschen mit Behinderungen kennen zu lernen.

Und hier setzt meine Vision an. Deshalb sage ich: keine Werkstätten für behinderte Menschen mehr sondern Werkstätten. Es gelingt uns nicht, die Menschen mit Behinderungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu bringen, also holen wir den Arbeitsmarkt zu uns. Was spricht dagegen, den Arbeitsmarkt in die Werkstatt zu holen. Holen wir uns doch den Arbeitsmarkt, hier sind natürlich die Menschen gemeint, in die Werkstatt. Nach über 40 Jahren Geschichte der Werkstatt, nach ausgefeilten Arbeits- und Förderplänen, glaube ich, brauchen wir davor keine Angst zu haben.

Natürlich wird es auch weiterhin pädagogisches Personal geben müssen, das die Förderung und Anleitung der Menschen mit Behinderungen, wo es notwendig ist, sicherstellt.

Aber was spricht dagegen, dass diese Menschen, also Sie, dann in einem Produktionsprozess mit nichtbehinderten Menschen gemeinsam an verschiedenen Produkten arbeiten?

Und ich bin darüber hinaus sicher, das wird den Umfang die Möglichkeiten der Arbeitsaufträge erweitern, es wird ganz neue Arbeitsbereiche für die Werkstatt, für die Menschen in der Werkstatt, für Sie und für ihre neuen nichtbehinderten Kollegen ermöglichen.

Natürlich werden wir am Anfang kaum jemanden aus einem Arbeitsvertrag abwerben, der dann in der Werkstatt arbeitet. Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, hier steht nun nicht zufällig nicht mehr Werkstatt für behinderte Menschen sondern hier steht Werkstatt.

Wir wissen, dass Menschen die mit 40 oder 50 Jahren arbeitslos werden, kaum noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Geben wir ihnen eine in unserer Werkstatt, arbeiten wir mit ihnen zusammen.

Wir wissen, dass Menschen, die gesundheitliche Einschränkungen haben, kaum noch Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Geben wir ihnen in unserer Werkstatt eine Chance, arbeiten wir mit ihnen zusammen.

Wir wissen, dass Jugendliche ohne Hauptschulabschluss kaum noch eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Geben wir ihnen eine Chance in unserer Werkstatt.

Aber warum sollten wir das tun? Ich wiederhole es gerne: weil es auch die Arbeitsmöglichkeiten der Menschen mit Behinderungen erhöht. Es sind plötzlich andere Aufträge denkbar, die erledigt werden können, gemeinsam erledigt werden können, und am Ende, das sollte schon das Ergebnis sein, sollten wegen der höheren Produktivität auch ein höheres Einkommen der Menschen mit Behinderungen stehen.

Sie werden eine Zeitlang damit leben müssen, dass Sie mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten, die mehr verdienen als Sie. Das ist aber doch jetzt auch so, nur dass Sie in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten und die anderen z. B. in der Werkstatt der Deutschen Bundesbahn Züge warten und reparieren. Mit dieser Ungleichheit, die ja nicht für alle Zeiten bleiben muss, holen wir uns aber den Arbeitsmarkt in die Werkstatt, bekommen nicht behinderte Kolleginnen und Kollegen und begeben uns damit auf einen richtigen Weg in Richtung Normalität.

Und noch ein wichtiger Aspekt, wenn wir Bestandteil des Arbeitsmarktes werden, natürlich unter Beibehaltung der notwendigen Fördermaßnahmen für die, die sie notwendig haben, dann gelingt es vielleicht auch, andere von Ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Vielleicht, irgendwann, ich werde dann längst nicht mehr arbeiten müssen, werden wir dann eine Tagung erleben, in der eine Mitarbeiterin von früher erzählt, als es noch die Werkstatt für behinderte Menschen gab und die Werkstatt bei Mercedes oder Varta. Und die Menschen werden sich fragen, warum bloß die behindertem Menschen sich das solange haben gefallen lassen, warum die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Kostenträger und die Geschäftsführer nicht viel eher auf die Idee gekommen sind. Und vielleicht wird dann ein sehr alter Mann aufstehen und berichten, dass die Idee schon lange da war. Dass man sich nur nicht getraut hat!

Ich weiß, dass vieles gegen diese Vision sprechen kann!

Aber als in den 70er Jahren die Werkstatt begann sich herauszubilden, sprach auch vieles dagegen. Und trotzdem hat es sie gegeben. Es wird sie weitergeben, aber vielleicht nur noch als Werkstatt für alle.

Ein Mensch, der viel klüger ist als ich, hat einmal gesagt: Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Vielleicht sind wir ja heute diesen ersten Schritt gemeinsam gegangen.

Ich danke Ihnen