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Unterstützte Beschäftigung - Artikel QVD's in IMPULSE

Niedersächsische Qualifizierungs- und Vermittlungsdienste auf dem Weg zum Regelangebot für Beschäftigte in WfbM

Seit Oktober 2000 unterstützt das Land Niedersachsen aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) in einen sechsjährigen Projekt die Einrichtung von Qualifizierungs- und Vermittlungsdiensten zur Förderung von Übergängen von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Bald darauf waren die als Vollzeitstelle ausgestatteten Fachdienste bei 40 niedersächsischen Werkstattträgern eingeführt, was eine annähernd flächendeckende Versorgung darstellt. Dies erfolgte fast zeitgleich zur Novelle des Schwerbehindertengesetzes („Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter“) mit dem anspruchsvollen Ziel einer deutlichen Steigerung der Vermittlung von Schwerbehinderten. Zielgruppe des niedersächsischen ESF-Projektes sind Werkstattbeschäftigte im Arbeitsbereich der WfbM, die nach § 39 ff SGB IX  Eingliederungshilfe zur Teilnahme am Arbeitsleben erfahren. Damit sind Personen mit geistiger Behinderung und psychischer Behinderung angesprochen. Pro Fachdienst werden jährlich 12 Projekteilnehmer/innen begleitet, wobei deren Verweildauer länger als ein Jahr sein kann. Das Geschlechterverhältnis soll dem im Produktionsbereich des Maßnahmeträgers entsprechen. Das Maßnahmeziel ist eine dauerhafte Beschäftigung in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis.

Im Gegensatz zu den parallel bestehenden Integrationsfachdiensten sind die niedersächsischen Fachdienste zur Qualifizierung und Vermittlung direkt bei den Werkstattträgern angestellt und auf die professionelle Begleitung von Beschäftigten in WfbM spezialisiert. Sie sind mit den damit verbundenen Vor- und Nachteilen Teil des Systems WfbM. Die in einer gemeinsamen Konzeption festgelegte Aufgabenbeschreibung der Fachdienste beinhaltet die Qualifizierung und Vermittlung von Beschäftigten, deren Beratung und Unterstützung, die Initiierung von Qualifizierungsmaß­nahmen, die Suche nach geeigneten Praktikums- bzw. Arbeitsplätzen sowie die Nachbetreuung nach erfolgtem Wechsel in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Der Fachdienst soll Maßnahmen zur Sicherstellung des Überganges zwischen WfbM und Arbeitsmarkt ergreifen und begleitende Hilfen am Arbeitsplatz bzw. im außerbetrieblichen sozialen Umfeld anbieten. Unter anderem umfasst dies:

Mit der langen Förderdauer bis 2006 haben die Werkstattträger die Chance, ihr Leistungsangebot zur beruflichen Integration in Verbindung mit praktischen Ergebnissen bei der Vorbereitung und Begleitung von Übergangen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt konzeptionell zu erweitern. Die zeitgleiche und flächendeckende Installation der Fachdienste wäre darüber hinaus eine günstige objektive Voraussetzung für die Evaluation und Standardisierung der Übergangsangebote. Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch wird über regionale Treffen des Fachdienstpersonals und durch ein von der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen in Niedersachsen vorbereitetes Jahrestreffen erreicht. Leider beschränkt sich die vom Maßnahmeträger geförderte wissenschaftliche Begleitung des niedersächsischen ESF-Projektes auf  quantitative arbeitsmarktpolitische Effekte, so dass eine qualitative Vereinheitlichung und konzeptionelle Verdichtung der geleisteten Arbeit nicht zu erwarten ist. So zeigt sich inzwischen, dass trotz der gemeinsamen Grundkonzeption die Arbeitsweise und -ergebnisse der Fachdienste sehr unterschiedlich sind. Dabei lassen sich bestimmte Trends feststellen:

Im niedersächsischen ESF-Projekt wechselten  insgesamt nur ca. 10 % der Teilnehmer/innen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, das sind durchschnittlich maximal zwei Personen pro Werkstattträger. Allerdings ist im niedersächsischen ESF-Projekt die Zahl der Teilnehmer/innen vergleichsweise hoch. Bei einen aussagekräftigen Vergleich mit anderen Projekten müsste die Qualität der Bewerberauswahl berücksichtigt werden.

Die von den niedersächsischen Fachdiensten durchgeführten Qualifizierungsmaßnahmen für Projektteilnehmer/innen sind sehr vielfältig und unterschiedlich. Sie beinhalten u.a. die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, Kommunikations- und Konfliktlösungstechniken, Bewerbungstrainings, fachliche Zusatzqualifikationen sowie Maßnahmen zur Verbesserung der individuellen Mobilität. Diese Angebote haben deutlich zur Systematisierung der beruflichen Bildung bei den Werkstattträgern beigetragen und z.T. zu Lehrgängen geführt, die inzwischen auch von anderen Beschäftigten in WfbM genutzt werden.

Ein Vorteil des relativ offenen niedersächsischen Konzepts besteht in der Möglichkeit zur Entwicklung von differenzierten Übergangsformen zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Inzwischen wurden auf Initiative oder mit Beteiligung der Fachdienste an verschiedenen Standorten begleitete Einzelarbeitsplätze, Außenarbeitsgruppen, ambulante Formen des Berufsbildungsbereiches und Integrationsfirmen eingerichtet. Insgesamt ist die allgemeine Bereitschaft der Werkstattträger, ihrem Auftrag zur Öffnung zum allgemeinen Arbeitsmarkt wahrzunehmen, deutlich gewachsen. So besteht inzwischen auch die berechtigte Hoffnung, dass nach Auslaufen der ESF-Mittel die Mehrzahl der Werkstattträger in Niedersachsen ihre Fachdienste zur Qualifizierung und Vermittlung in ihrer Brückenfunktion zum allgemeinen Arbeitsmarkt anerkennen und weiter bestehen lassen. Neuere empirische Untersuchungen arbeiten den Unterstützungsbedarf auch nach einer Integration auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aus der subjektiven Sicht der Betroffenen heraus (vgl. SPIESS 2004). Aus den bisherigen Erfahrungen wäre auch zukünftig eine begleitende, die Betroffenenperspektive berücksichtigende Evaluation von Übergangsprozessen in Richtung Erwerbstätigkeit  äußerst wünschenswert (vgl. FRIEDRICH 2005).

FRIEDRICH, J. (2005): Weit reichende Entscheidungen. Vorstellung einer Studie zum Entscheidungsverhalten von Menschen mit geistiger Behinderung in Übergängen von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. In: Geistige Behinderung  Jahrg. 44, 1/05 47-55

LAGWfbM NDS (2004): Jahresbericht QVD 2004. Unveröffentliches Manuskript

SCHÜLLER, S. (2001): Die Auswirkungen des Konzeptes der ,Unterstützten Beschäftigung´ auf das System der beruflichen Rehabilitation am Beispiel der Werkstätten für Behinderte. In: BARLSEN, J.; HOHMEIER, J. (Hrsg.): Neue berufliche Chancen für Menschen mit Behinderung. Unterstützte Beschäftigung im System der beruflichen Rehabilitation. Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben, 287-310

SPIESS, I. (2004): Berufliche Lebensverläufe und Entwicklungsperspektiven behinderter Personen. Eine Untersuchung über berufliche Werdegänge von Personen, die aus Werkstätten für behinderte Menschen in der Region Niedersachsen Nordwest ausgeschieden sind. Paderborn: Eusl Verlag

Verfasser:
Jochen Friedrich, Fachdienst Qualifizierung und Vermittlung der Delme-Werkstätten gGmbH, 27211 Bassum, j.friedrich@delme-wfb.de (i.A. der QVD NDS)